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Die Nacht ist vorgedrungen

Dies ist eine Predigt über Jochen Kleppers Adventslied „Die Nacht ist vorgedrungen“ unter Einbeziehung seiner persönlichen Lebensgeschichte.

1. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern! So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Dies ist eines der schönsten Adventslieder, das wir besitzen. Und trotz seiner Kürze ist es eine vollständige Adventspredigt. Mehr als das, was in diesen 5 Strophen steht, gibt es zum Thema Advent nicht zu sagen! Nur, welche innere Überzeugungskraft, welchen Tiefgang diese Liedpredigt in Wirklichkeit besitzt, das kann erst erfühlen und verstehen, wer den Lebenshintergrund kennt, aus dem heraus sein Verfasser Jochen Klepper diese Verse geschrieben hat, den Lebenshintergrund, vor dem er damit zugleich auch seinen Glauben bezeugt hat. Und ich bin fest davon überzeugt: Wer um ihn weiß, den werden diese Strophen ebenso wenig wieder loslassen wie mich; dem werden sie vielleicht in mancher schweren Lebenssituation Mut machen, so fest auf Gott zu vertrauen, wie das damals auch ihr Verfasser getan hat.

Nacht – Tränen – Angst – Pein, das waren für Jochen Klepper keine weit hergeholten Begriffe. Sie waren ihm vielmehr zu ständigen Begleitern geworden, ihm, dem Pfarrersohn und begabten Schriftsteller, der im Jahre 1931 eine Witwe jüdischer Abstammung mit zwei Töchtern geheiratet hatte. Die Folgen davon ließen nicht lange auf sich warten: Berufsverbot, Entlassungen beim Rundfunk, bei seinem Verlag und Ausschluss aus wichtigen Gremien, Entlassung aus der Wehrmacht, wegen seiner Ehe „wehrunwürdig“. Wiederholt wurde er energisch dazu aufgefordert, sich doch endlich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Aber er stand jederzeit fest zu ihr und zu ihren, seinen Töchtern.

Dazu kamen die vielen Demütigungen, die Enttäuschungen, gerade auch im Freundeskreis, und dann vor allem die dauernde Sorge und Angst um das Leben, um die Zukunft seiner Frau und der Kinder. Kurz vor Kriegsausbruch war es ihm gelungen, seine ältere Stieftochter ins Ausland zu bringen. In jener Zeit entstand übrigens auch dieses Lied. In der Kriegszeit begann dann der aufreibende und immer verzweifelter werdende Kampf um eine Ausreiseerlaubnis für die zweite Stieftochter und für seine Frau, um sie so vor der drohenden Deportation in ein KZ zu retten.

Gerade dieser Hintergrund macht die Liedpredigt Kleppers für uns so eindrücklich, so wichtig und wertvoll. Denn auf ihm und ihm zum Trotz bezeugt er seinen Glauben, lässt er uns miterleben und erkennen, woraus er seine Kraft und seine Hoffnung geschöpft hat, woraus auch wir heute für uns Kraft und Hoffnung schöpfen können.

Nacht – Tränen – Angst – Pein, sie werden, so schreibt er in der ersten Strophe, verwandelt, verwandelt durch den Morgenstern, also durch den Stern, der, um in seinem Bild zu bleiben, noch mitten in der Nacht bereits auf den bevorstehenden Morgen hinweist; der einem noch mitten in der Nacht die Gewissheit gibt, dass es auch wirklich wieder Morgen, dass es auch wirklich wieder hell werden wird. Und damit verwandelt der Morgenstern das Dunkle, das Ängstigende, das Belastende, auch die Schuld, weil durch sein Licht, in seinem Lichte deutlich wird: Dies alles ist nicht das Letzte, das Endgültige, das am Ende Gültige, dem ich hilflos ausgeliefert bin; dies alles ist kein unabänderliches Schicksal, in das es sich zu schicken gilt, sondern ich habe wider besseres Wissen und wider alle Prognosen festen Grund zur Hoffnung, dass es bei mir, in meinem Leben wieder hell, wieder Tag werden wird.

Aber ist das nicht alles, wie es der Kirche Jesu Christi immer wieder vorgeworfen wird, nur eine leere Durchhalteparole, sind das nicht nur leere Worte? Was ist der Grund meiner christlichen Hoffnung? Wer ist mir denn der Morgenstern, der meine Angst und Pein bescheint und so verwandelt?

2. Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht. Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht. Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt. Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.

Das mit dem Morgenstern sind beileibe keine leeren Worte, sondern ist ein Mensch, dem Gottes Wort und Wille gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen ist. (Das ist es eigentlich, was die Theologie mit „Inkarnation“ bezeichnet!) Unser Morgenstern ist das Kind, das an Weihnachten auf unsere Welt gekommen und das als Mann am Kreuz für seine Botschaft gestorben ist. Jesus, der Christus, ist der Grund unserer Hoffnung. Durch ihn hat Gott selbst bei uns all das aus dem Weg geräumt, was uns daran hindern könnte, in Geborgenheit bei ihm und mit seiner Hilfe zu leben, auch und gerade dann, wenn es bei uns Nacht geworden ist. Unser Morgenstern Jesus Christus verkündet, dass die Macht und die Liebe unseres Gottes größer und heller sind als alle menschliche oder von Menschen geschaffene Dunkelheit. Wer auf diesen Mächtigen, den Allmächtigen, vertraut, und das heißt doch, wer an ihn glaubt, braucht nicht zu resignieren. Denn Gott vermag mit Hilfe unseres Glaubens das Dunkel in unserem Leben, was auch immer es sein mag, zu verwandeln, vermag er, Licht in unsere Dunkelheiten zu bringen.

Wie kommt man zu solch einer tröstlichen, wohltuenden inneren Einstellung, wie kommt man zu solch einem Glauben?

3. Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf! Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah. Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

Man kommt zu diesem Glauben, indem man sich auf den Weg begibt, auf den Weg auf Gott zu; der Wegweiser dahin ist dieses Kind, das damals in Bethlehem geboren wurde. Wir kommen zu diesem Glauben, indem wir uns von ihm, von seiner Botschaft mitnehmen lassen. Nur, wer das wirklich will, muss auch bereit sein, aufzubrechen, der kann nicht immer nur dort bleiben, wo er immer schon war, und warten, bis sich von alleine etwas ändert. Der muss vielmehr bereit sein, sich zu entscheiden, ob er das wirklich will, und sich dann mit ihm, diesem Jesus, auf den Weg machen, mit allen Konsequenzen. Gott braucht sich für uns nicht mehr zu entscheiden. In Jesus hat er das schon längst getan. Wer ihn sucht, von dem wird er sich finden lassen. Wer ihm vertraut, mit dem ist er bereits im Bunde. Wer sich von ihm mitnehmen lässt, dem gibt er Zukunft.

Nur, was wird dies für eine Zukunft sein? Endlich eine Welt ohne Tränen, Ängste, Nächte?

4. Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

Nein, wer mit Gott im Bunde ist, dem bleiben das Dunkel der Nacht, dem bleiben Tränen und Angst nicht erspart, seien sie nun selbstverschuldet oder auch nicht. Aber der hat eben die Gewissheit: Da bleibe ich nicht drin gefangen. Der hat das tiefe Vertrauen: Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da mein Fuß gehen kann! Der kann froh bekennen: Mein Morgenstern des Glaubens wird jedes Dunkel früher oder später durchbrechen.

Nach all dem, nach Weihnachten und Karfreitag, nach dem Sich-Aufmachen auf Gott zu und der Bereitschaft, mit ihm im Bunde zu leben, kommt J. Klepper zum letzten, alles abschließenden Thema seiner Liedpredigt: Zum Advent Jesu Christi, zu seiner Wiederkunft zum Gericht Gottes über seine Schöpfung.

5. Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.

Gott will im Dunkel wohnen. Er wartet nicht, bis wir uns durch besondere Verdienste oder höhere Weihen in seine Nähe vorarbeiten, sondern er ist dort, wo wir gerade sind, gerade auch in den tiefsten Tiefen unseres Lebens. Und gerade deshalb ist sein Gericht letztlich Gnade. Wer ihm in all seiner Schwachheit und Fehlerhaftigkeit vertraut, dem muss vor dem Ende nicht bange sein, denn mit dem wird er auch dann im Bunde bleiben. Von dieser letzten Gewissheit, von dieser letzten Hoffnung her dürfen wir unser Leben prägen lassen, bekommen wir Kraft und Besonnenheit, um unsere Vergangenheit anzunehmen und unsere Gegenwart zu gestalten.

Dies hat auch J. Klepper getan, wenn auch vielleicht anders, als wir es erwarten würden.

Am 8. Dezember 1942 schrieb er in seinem Tagebuch („Im Schatten deiner Flügel“ S.1132-1133):

8. Dezember 1942 / Dienstag

Gott weiß, dass ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in diese grausamste und grausigste aller Deportationen gehen zu lassen. Er weiß, dass ich ihm dies nicht geloben kann, wie Luther es vermochte: .Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, lass fahren dahin -. Leib, Gut, Ehr – ja! Gott weiß aber auch, dass ich alles von ihm annehmen will an Prüfung und Ge- richt, wenn ich nur Hanni und das Kind notdürftig geborgen weiß.

Den Gedanken an Flucht hat Renerle aufgegeben. Verweigert der Sicherheitsdienst trotz Fricks Fürsprache ihre Ausreise, so will sie mit uns sterben; dann bleibt uns auch nur noch eine ganz kleine Frist für letzte Erledigungen, so nahe und groß ist dann die Gefahr, nun da hinter dem Schutzbrief keine Macht mehr steht.

Das Letzte ist besprochen.

Noch schreibe ich dies in der Hoffnung, dass ich es dereinst, den Weg meines Lebens, Gottes Weg in meinem Leben, überblickend, wieder lesen werde.

Aber was nun begonnen hat, ist uns nicht mehr unfasslich. Es ist auf furchtbare Weise ganz in das Bewusstsein eingegangen.

9. Dezember 1942/Mittwoch

Morgen um drei bin ich wieder zur Sicherheitspolizei bestellt.

Da ich am Telefon jetzt so wenig sagen kann, kam Hilde, die sehr teilnimmt, abends nach dem Dienst zu uns. Nun ist alles so nah, womit wir sie in der Adventszeit des vorigen Jahres schon so belasten mussten.

Diese stillen, stillen, dunklen, trüben Tage. So lind, so voller Trauer des Himmels.

» Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.«

Noch ein Tag so qualvollen Wartens. Und doch geht alles so rasch.

10. Dezember 1942/ Donnerstag

Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod.

Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt.

In dessen Anblick endet unser Leben.

Im Vorwort zu diesem Buch schreibt Reinhold Schneider:

Klepper hat die Seinen an der Hand genommen, als es kein Recht und keinen Schutz mehr gab, und ist mit ihnen vor den Richter, den Vater, geeilt, sich schuldig wissend und doch unergründlicher Gnade gewiss: gerade dieser Tod ist, von ihm her gesehen, zu einem Glaubenszeugnis und einem Zeichen der Treue geworden; es war kein Nein, vielmehr ein Ja, der glaubensstarke Schritt über die Schwelle des Ewigen Hauses.

Nicht die Resignation, sondern sein grenzenloses Vertrauen auf Gott hatte bei J. Klepper das letzte Wort. Auch wenn seine Situation Gott sei Dank nicht auf uns übertragbar ist, so wollen wir uns doch durch sein Glaubenszeugnis zu diesem grenzenlosen Gottvertrauen ermutigen lassen, das nachspricht: „Beglänzt von seinem Lichte hält uns kein Dunkel mehr. Von Gottes Angesichte kam uns die Rettung her!“ Diese 4. Strophe lasst uns nun noch einmal ganz bewusst miteinander singen als unser Glaubensbekenntnis!

4. Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

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