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Einen „guten Rutsch“! Ex 13,20f

Gedanken zum neuen Jahr mit 2. Mose 13 Vers 20-22

Ich gebe zu:

Früher habe ich es bewusst vermieden, jemandem einen „guten Rutsch“ zu wünschen und es stattdessen mit anderen Formulierungen versucht. Etwa mit „Ich wünsche Ihnen einen guten Jahreswechsel“ oder „einen guten Beginn des neuen Jahres“ oder so. Denn das mit dem „guten Rutsch“ schien mir einfach zu banal und noch dazu ein wenig zu abergläubisch.

Und dann wurde ich einmal gefragt, ob ich denn wüsste, woher diese Formulierung käme und was sie bedeute. Und ich musste sagen: „Nein, das weiß ich nicht.“

Dies ließ mir keine Ruhe. Als ich dann aber die Antwort im Internet fand, waren mir meine Unkenntnis und die sich daraus ergebenden Vorurteile diesem „Neujahrswunsch“ gegenüber schon ein wenig peinlich.

Der „gute Rutsch“ hat nämlich überhaupt nichts mit „rutschen“ zu tun. Er kommt vielmehr von wo ganz anderes her, vom hebräischen „Rosch ha Schanah“. „Rosch“, das ist das Wort für „Kopf“. Und von daher wird es dann auch als Bezeichnung für den „Ersten“ oder für den „Anfangt“ gebraucht. Und „Schanah“ ist das hebräische Wort für „Jahr“. „Rosh ha Shana“, so nennen die Juden ganz einfach den „Tag des Jahresanfangs“. Aus dem jiddischen Gruß „Gut Rosch“, also etwa „Gutes Neujahr“ – „Viel Glück und Segen im neuen Jahr“ – wurde schließlich der deutsche Neujahrswunsch „Guter Rutsch“. Ein Wunsch also, der uns in besonderer Weise mit dem Judentum verbindet, mit dem Volk, dem Jesus angehört hat, mit dem Volk, auf dessen Schultern unser Glaube ruht; denn ohne den Glauben Israels gäbe es unseren christlichen Glauben nicht.

„Guten Rutsch“ – weil ich jetzt wusste, was sich hinter diesem Gruß verbirgt, habe ich ihn künftig umso lieber verwendet.

(Mittlerweile wurde ich darauf hingewiesen, dass diese Herleitung von „Rutsch“, die es mir ermöglicht hat, hier auch noch einmal auf die fundamentale Bedeutung des Judentums für das Christentum hinweisen zu können, gar nicht so unumstritten ist. Vielen Dank dafür! Dazu möchte ich auf folgenden Link verweisen: https://www.facebook.com/JuedischeAllgemeine/posts/10159086379868410 . )

Wobei mir noch wichtig ist, deutlich zu sagen, dass diese guten Wünsche für das neue Jahr zumindest im christlichen Kontext sich gründen in dem Wunsch: „Möge Gott dich im neuen Jahr begleiten!“

Damit sind wir bereits ganz nahe dran an einem Bibelwort für den Altjahresabend, das zurückgreift auf die Glaubenserfahrung des Volkes Israel auf seinem Weg heraus aus der Sklaverei in Ägypten hinein in eine ungewisse Zukunft. Dazu steht im 2. Mosebuch:

So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Drei Gedanken dazu:

1. Das Volk Israel blickte in dieser Situation zurück auf eine schwere Zeit, auf eine Zeit der Bedrängnis und der Not.

Für uns geht mit dem heutigen Tag ein Jahr zu Ende, das für uns in vielfacher Hinsicht einen erschreckenden Verlauf genommen hat. Weltweit hat die Corona-Pandemie bis dahin unvorstellbares Leid über die Menschheit gebracht. Nahezu 80 Millionen haben sich mittlerweile mit diesem aggressiven Virus angesteckt, bald wird die Zahl der an und mit Corona Verstorbenen die Grenze von 2 Millionen überschreiten. Viele Intensivstationen sind bis zum Rande gefüllt und die Bedrohung durch „Triage“ ist vielerorts bereits Realität, Gott sei Dank bei uns in Deutschland (noch!) nicht! Die ökonomischen Schäden sind immens, genauso wie bei uns die Verschuldung unseres Bundeshaushaltes. Insolvenzen und Arbeitslosigkeit drohen vielfach im neuen Jahr. Menschliche Existenzen stehen vor dem Aus. Und trotzdem wagt es eine nicht zu vernachlässigende Zahl von Menschen nach wie vor, die Realität dieser Gesundheitskatastrophe zu akzeptieren und die für die Allgemeinheit nötigsten entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten. Auch wenn wir durch die Entwicklung und mittlerweile Anwendung von Impfungen gegen dieses Virus „Licht am Ende des Tunnels sehen“, müssen wir momentan den Weg „im Tunnel“, in der uns nach wie vor bedrohenden Dunkelheit fortsetzen.

Dazu kommen weitere schlimme Erfahrungen.

Das weltweite ökologische Versagen wird immer deutlicher sichtbar. Das Eis an den Polen und in den Gletschern schmilzt rasant. Schlimme Hurrikane bedrohten zunehmend den Golf von Mexiko und weitere Gebiete und richteten dort ungeheure Verwüstungen an.

Diktatorische Regime, terroristische Bedrohungen und internationale kriminelle Machenschaften sorgen für eine zunehmende Migration, deren die reichen Nationen der Welt nicht Herr werden, weil sie dies vielfach schlicht und einfach gar nicht wollen.

Und erschreckend ist auch die Zunahme populistischer Regierungen in Europa und weltweit, wo Präsidenten nichts anderes bedienen als nationalen Egoismus und persönliche Machtinteressen.

Ganz abgesehen von all dem Schweren, das manche von uns in diesem Jahr persönlich zu tragen hatten.

Und vor diesem Hintergrund mag sich dann auch die bange Frage stellen: Was an Schwerem wird uns das neue Jahr bringen? Werden wir es bestehen?

2. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Die Zukunft blieb für das Volk Israel ungewiss, aber ihm galt die Verheißung: Gott ist mit dir unterwegs.

An ihm konnte es sich Tag und Nacht orientieren.

Nochmals die vorhin bereits gestellte Frage: Was an Schwerem wird uns das neue Jahr bringen? Werden wir es bestehen?

Die Antwort: Auch in diesem neuen Jahr wird Gott mit uns unterwegs sein. An ihm können wir uns orientieren, am Tage, wenn es hell ist bei uns, genauso wie in unseren Nächten, wenn es plötzlich aus ganz unterschiedlichen Gründen bei uns dunkel geworden ist. Dass diese Antwort keine billige Vertröstung ist, sondern erfahrbare Wirklichkeit, wird jeder und jede bestätigen können, die Gottes hilfreiche, Ordnung schaffende, beruhigende, wohltuende Gegenwart in ihrem Leben bereits erlebt haben. Nicht umsonst lautet die Übersetzung des Gottesnamens Jahwe „ich werde für dich da sein“. Ja, er wird für uns da sein, auch im neuen Jahr mit all seinen Ungewissheiten, „barmherzig, gnädig und voll großer Güte“.

3. Immer wieder kamen im Volk Israel auf seinem Weg ins Ungewisse Zweifel daran auf, ob Gott wirklich mit ihm unterwegs ist, obwohl die Wolken- und Feuersäule es nie verließ. Und trotzdem hat Gott sich nicht von ihm zurückgezogen. Schon in naher Zukunft wird er es im Schilfmeer wieder retten und bewahren und dann immer wieder im Laufe der Wanderung durch die Wüste, bei der Rückkehr ins gelobte Land und in seiner künftigen, oft leidvollen Geschichte.

Das ist ja oft auch unser Problem, dass wir angesichts dessen, was wir in unserer Welt an Schwerem, an Leid und Not selbst erleben oder miterleben, an der Nähe Gottes, an seiner Güte, an seiner Allmacht, ja sogar letztlich an seiner Existenz überhaupt so unsere Zweifel bekommen. Obwohl „die Wolken- und Feuersäule“ uns nie verlassen hat.

Vielleicht geht es uns da genauso wie dem Volk Israel, das eigentlich immer erst im Rückblick erkannte und bekannte, wie sehr Gott bei ihm am Werk gewesen war, gerade in den schweren Zeiten. „Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir gedacht, wie du mein wolltest werden.“ (EG 37,2)

Während ich nach wie vor in meinem Heute mit all seinen Erschwernissen und Nöten verhaftet bleibe, denkt Gott bereits an mein Morgen und daran, wie er mich dann „heben und tragen und erretten“ (Jes. 46,4) wird.

Wisst Ihr: Wer darauf, wer auf IHN vertraut, kann getrost auf das neue Jahr mit all dem, was es uns an Schwerem, aber eben auch an Gutem bringen mag, zugehen.

Und kann es diesem guten Gott unseren Mitmenschen gegenüber, gerade auch denen gegenüber, die leiden, die Hilfe und Heimat brauchen, gleich tun, wenn wir der Aufforderung der neuen Jahreslosung für das Jahr 2021 nachzukommen versuchen, wenn wir uns durch sie dazu ermutigen lassen: „Seid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

So wünsche ich Euch und mir selbst „einen guten Rutsch“. Möge Gott dich und mich, uns alle im neuen Jahr begleiten!

Ein Kommentar

  1. Dolder Dorothee

    Eine sehr verständliche und berührende Betrachtung uum neuen Jahr, die mir Zuversicht u. Vertrauen ins neue Jahr schenkte!

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