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Jesus, Vorbild für Partizipation und Lernbereitschaft – Matthäus 9 Vers 35ff

Wenn schon Jesus selbst dazu bereit war, im Laufe seiner kurzen Tätigkeit dazuzulernen, um wie viel mehr sollte die Kirche nach knapp 2000 Jahren dazu bereit sein?!

Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt. 28, 16-20)

Dieser uns allen bekannte Taufbefehl Jesu steht nicht nur am Ende des Matthäus-Evangeliumsm („Matthäi am Letzten“), sondern er steht zugleich auch am Ende einer von uns so meist kaum wahrgenommenen rasanten theologisch-religiösen Entwicklung in der Person von Jesus von Nazareth selbst.

Er wuchs auf in einer Handwerkerfamilie mit einer für jene Zeit normalen jüdischen Erziehung, also mit einer etwa im Gegensatz zum Sohn einer Priesterfamilie ganz normalen religiösen Sozialisation. Auf das Vorhandensein eines besonderen theologisches Interesses bei ihm könnte die Notiz im Lukas-Evangelium (Lk. 2,41ff) hinweisen, wo es heißt:

Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. (Lk 2,46)

Als Nächstes erfahren wir dann erst wieder von Jesu, dass er sich von Johannes dem Täufer, einem außergewöhnlich auftretenden Erneuerungsprediger, der die ihm Zuhörenden zur Buße (= Umkehr) und einem sozialverantwortlicheren Leben aufforderte, hat taufen lassen. (Mk 1,9ff)

Dies und die Tatsache, dass Jesus ebenfalls von der Buße als Umkehr predigte und sich bewusst den sozialen Randgruppen zuwandte, legen den Schluss nahe, dass Johannes der Täufer zumindest für eine gewisse Zeit einer seiner theologischen Lehrer war.

Bald danach wurde Jesus selbst zum Lehrer, dessen besondere Lehre darin bestand, dass

1. die Gebote Gottes nicht nur dem Wortlaut nach, sondern ihrer Intension entsprechend der Erfüllung durch die Gläubigen bedürfen;

dass 2. im Zentrum aller Gebote die Liebe steht, die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst;

und 3. dass es bei Gott weder Privilegierte noch Marginalisierte gibt und deshalb auch für diejenigen nicht geben darf, die von sich behaupten, an Gott zu glauben.

Er sammelte um sich seine Schüler und Schülerinnen, von denen die bekanntesten der Kreis der 12 Jünger war. Mit ihnen zog er in Israel umher als Wanderprediger und Wunderheiler, also als einer, der predigte, zugleich aber auch in die Tat umsetzte, was er predigte.

Aber dann stellte er fest, dass diese „Mission“ größer war, als dass er sie als Einzelperson hätte stemmen können. So kam es zu der Situation, von der der Predigttext berichtet:

Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und  zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. Dann sandte er sie aus und gebot ihnen: „Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.“ (Mt. 09, 35, ff)

Um mit seiner Lehre mehr Menschen zu erreichen und um ihnen gerecht zu werden, entscheidet Jesus sich dazu, seine „Macht“ als Lehrer mit seinen Jüngern zu teilen (= Partizipation als Grundlage für Gemeindeaufbau!), sie zu beteiligen an seinem „Heilswerk“, indem er sie dazu bevollmächtigt. Damit machte Jesus deutlich: „Auf das, was ich lehre, erhebe ich keinen Alleinvertretungsanspruch. Im Gegenteil: Erst dadurch, dass er Euch, seine SchülerInnen, beteiligt, erweist sich ein Lehrer als wahrer Lehrer!“

Aber zugleich schränkte Jesus klar ihre Adressaten ein:

„Geht nicht zu den Heiden und in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel!“

Also nicht: Geht hin zu allen Völkern – wie es beim Taufbefehl heißen wird. Zu diesem Zeitpunkt sah Jesus selbst seinen Verkündigungsauftrag nur auf sein Volk Israel beschränkt. Dies finden wir deutlich bestätigt in einer Erzählung aus dem Matthäus-Evangelium, die jedoch dann zugleich auch von einem entscheidenden Wendepunkt im Denken Jesu berichtet und davon, wie dieser zu Stande kam:

In Matthäus 15 lesen wir:

Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Stell sie doch zufrieden, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. (Mt. 15,21ff)

Ein faszinierender Bibeltext, der uns teilhaben lässt an einer für Jesus ganz wichtigen Erfahrung und der Erkenntnis, die sein gesamtes weiteres Wirken prägen wird: Er lernt durch die Beharrlichkeit dieser Frau etwas Neues, nämlich dass er Gottes Liebe nicht beschränken kann und darf auf das von Gott erwählte Volk Israel, sondern dass die Liebe Gottes der ganzen Welt, also auch den Heiden gilt. Ich möchte behaupten: Ohne die Begegnung mit dieser „Kanaanäerin“ hätte Jesus seine Jünger später wohl gewiss nie aufgefordert:

„Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker, …“

Konfis aus meiner ehemaligen Gemeinde haben diesen besonderen Moment einmal in einem fiktiven Brief des Jüngers Petrus an seine Mutter so festgehalten:

Liebe Mama,

heute ist bei uns etwas Unglaubliches passiert, von dem ich dir unbedingt erzählen muss:

Wieder einmal wanderte Jesus mit uns jenseits der jüdischen Grenze durch die Gegend von Tyrus und Sidon. Und da hat es doch tatsächlich eine von den Ungläubigen gewagt, ihn anzusprechen. Nein, sie hat ihn sogar angeschrien. Er solle ihr helfen. Ihre Tochter sei von einem bösen Geist besessen. Ich habe ihm gleich gesagt, dass er sie nicht beachten soll. Aber dann warf sich die Frau direkt Jesus vor die Füße und flehte ihn an, er solle ihr doch bitte helfen. Dabei war sie doch gar keine Jüdin! Was erlaubte die sich eigentlich, dachte ich. Und Jesus hat ihr auch gleich klar gemacht, dass er sich für sie nicht zuständig fühle. Und als sie nicht locker ließ, beschimpfte er sie sogar: Er würde sich um die Kinder der Juden kümmern, aber nicht um Hunde. Das war schon ganz schön krass. Aber selbst dann gab sie nicht klein bei, sondern widersprach ihm, dass die Hunde wenigstens das bekämen, was unter den Tisch fallen würde. Das wiederum fand ich sehr geschickt von ihr. Ich merkte, wie Jesus stutzte und überlegte. Und dann meinte er, er sei von ihrem Vertrauen, das sie in ihn habe, echt überrascht und er würde ihrer Tochter helfen, obwohl sie keine Jüdin sei.

Weißt du, das war das erste Mal, dass Jesus sich selbst korrigiert hat. Das hat mich total erstaunt.

Ich umarme dich!

Dein Sohn Petrus

Ich finde es unheimlich spannend und zugleich ermutigend, den Veränderungsprozess, den Jesus im Laufe seiner Tätigkeit mit sich selbst durchgemacht hat, hier gleichsam miterleben zu können. Dass er bereit war, aus konkret Erlebtem zu lernen, ja sogar aufgrund dessen seine ursprüngliche Meinung zu ändern. Ermutigend, weil ich denke, dass er genau dies ein Stück weit auch von uns heute erwartet. Dass wir zulassen, dass sich unser Glaube in der Begegnung mit der Realität, in der wir leben, auf der Grundlage seiner Botschaft weiterentwickelt.

Wir haben heutzutage oft ganz andere Fragen und Herausforderungen als Jesus damals, mit denen uns unsere Lebenswirklichkeit konfrontiert, und müssen deshalb auch dazu bereit sein und den Mut haben, wie Jesus damals neue Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu finden, neue Wege im Glauben zu gehen. Wohlgemerkt neue Antworten und Wege, die sowohl den heutigen Anforderungen Genüge leisten wie auch den zentralen Inhalten der Verkündigung Jesu damals.

Kirche kann nur Kirche bleiben, wenn sie nicht nur stur im Bisherigen verharrt, sondern immer in Bewegung bleibt; wenn sie sich bewegen lässt von den Herausforderungen ihrer Zeit, wenn sie bereit ist, sich von außen, gerade auch von den „Ungläubigen“, in Frage stellen zu lassen, ob ihr Zeugnis tatsächlich noch dem Willen Gottes entspricht, oder sich dann sogar korrigieren zu lassen, wenn es sich herausstellt, dass dies eben bei ihr nicht oder nicht mehr der Fall ist.

Jesus, wir haben es gehört, hat daraus gelernt.

Weshalb sollten wir ihm nicht auch darin nachfolgen?!

PARTIZIPATION

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