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Predigt zu John Lennons «Imagine» und Martin Luther Kings «I have a dream»

Auf Englisch klingt alles ja immer ganz toll. Nur, ist uns eigentlich bewusst, was bei „Imagine“ so alles im Text steht?

Ich habe einmal versucht, den Text dieses Liedes von John Lennon ein wenig freier zu übersetzen. Das klingt dann so:

1. Stell dir vor, es gäbe keinen Himmel – es ist ganz einfach, wenn du es nur einmal versuchst -, es gäbe keine Hölle unter uns, sondern über uns nur der blaue Himmel. Stell dir vor, alle Menschen würden nur für das Heute, das Diesseits leben.

Du magst sagen, ich sei ein Träumer. Aber ich bin nicht der einzige. Ich hoffe, eines Tages wirst du dich uns anschließen. Und unsere zertrennte Welt wird wieder wie eine Welt sein.

2. Stell dir vor, es gäbe keine Länder – das ist gar nicht so schwer -, es gäbe nichts, wofür es sich lohnen würde, zu töten oder zu sterben, auch keine Religion. Stell dir vor, alle Menschen würden ihr Leben in Frieden leben.

Du magst sagen, ich sei ein Träumer. Aber ich bin nicht der einzige. Ich hoffe, eines Tages wirst du dich uns anschließen. Und unsere zertrennte Welt wird wieder wie eine Welt sein.

3. Stell dir vor, es gäbe keine Besitztümer – ich bin gespannt, ob du das überhaupt kannst -, es gäbe keinen Grund, um neidisch oder hungrig sein. Die Menschen würden wie Geschwister zusammenleben. Stell dir vor, alle Menschen würden die ganze Welt miteinander teilen.

Du magst sagen, ich sei ein Träumer. Aber ich bin nicht der einzige. Ich hoffe, eines Tages wirst du dich uns anschließen. Und unsere zertrennte Welt wird wieder wie eine Welt sein.

Von einer heilen Welt träumen, wer tut das nicht?!

Davon, dass endlich Friede herrscht unter den Menschen?! Dass es keinen Krieg, keinen Hunger mehr gibt auf unserer Welt, und zwar für alle Menschen?!

Dass niemand mehr seine Mitmenschen unterdrückt und niemand mehr unterdrückt wird?! Dass wir weltweit zusammenleben wie eine große Familie?

Faszinierende Gedanken, nichtwahr? Aber eben halt nur Träume, denn die Wirklichkeit, die wir erleben, ist eine andere.

Ihr braucht nur die Zeitung aufzuschlagen und einen Blick auf die Überschriften zu werfen. Unsere Welt ist alles andere als heil! Und nicht zuletzt die Corona-Krise erinnert knallhart daran: Wir leben nicht in einer heilen Welt.

Die Frage ist nur: Wollen wir etwas dafür tun, dass sie heiler wird, unsere Welt? Trauen wir es uns überhaupt zu, diese Welt zu verbessern?

John Lennon lädt uns ein, mit ihm zu träumen von einer besseren Welt, eine Vision zu entwickeln von der heilen Welt. So soll sie aussehen! Aber um dorthin zu kommen, muss sich so Manches ändern bei uns. Muss Behinderndes, Unheil Schaffendes aus dem Weg geräumt werden.

Für ihn, und das mag uns schmerzen, gehört offensichtlich zu dem, was da weggeräumt werden muss, auch die Religion, das Denken im Schema von Himmel und Hölle und die Vorstellung vom Jenseits, so zumindest nach diesem Song.

Ich weiß, dass John Lennon an und für sich ein sehr religiöser Mensch gewesen ist und könnte mir gut vorstellen, dass es ihm bei dieser scharfen Kritik gerade auch des Christentums vor allem darum ging, sich von den unterdrückerischen und die Menschen klein machenden Lehren der Kirche zu distanzieren, weil er um deren Missbrauch in der Geschichte wusste. Aber das ist letztlich zweitrangig.

Wichtiger ist: Woher nimmt ein Mensch die Zuversicht, den Mut, zu meinen und auch zu behaupten, er/sie könne die Welt verbessern?

Ich weiß nicht, woher John Lennon sie letztlich nahm.

Aber ich weiß, von woher ein anderer Träumer sie bezog, der 1963 bei seiner Rede vor dem Lincoln-Denkmal in Washington sagte:

Ich habe einen Traum, dass eines Tages die Söhne der früheren Sklaven und die Söhne der früheren Sklavenhalter auf den roten Hügeln Georgias bereit sein werden, sich gemeinsam am Tisch der Brüderlichkeit („brotherhood“) niederzulassen. Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Gehalt ihrer Gesinnungen beurteilt werden. Ich habe einen Traum heute! Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht, jeder Berg und Hügel abgetragen werden, alle Unebenheiten geebnet, alles Gewundene begradigt wird. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen (Jes 40,4+5). Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück. Mit diesem Glauben sind wir imstande, aus den Bergen der Verzweiflung den Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen.

Martin Luther King bezog seinen Traum und seine Zuversicht, seine Gewissheit, die unheile Welt verbessern zu können, aus seinem Glauben an diesen großartigen Gott, dessen Liebe zu uns in Jesus Christus nicht einmal vor dem Kreuz Halt gemacht hat; dieser Gott, dem wir unser Leben verdanken und der es fest in seiner Hand behält unser ganzes Leben lang.

Weil es ihn gibt, können wir träumen von einer besseren Welt, nicht erst im Jenseits, sondern schon jetzt und hier. Weil wir mit ihm, im Vertrauen auf ihn und sein wegweisendes Wort die Welt tatsächlich verändern können.

Und da wird auch deutlich: Es gibt zwei Arten von Träumern: Solche, die durch ihre Träume der Wirklichkeit zu entfliehen suchen, um dann in einer Traumwelt zu leben, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Und solche, die nicht bereit sind, sich mit ihrer Wirklichkeit abzufinden, sondern in ihren Träumen Visionen entwickeln, um nach ihnen ihre Wirklichkeit zu gestalten und zu verändern.

Der Traum von Martin Luther King hat Hunderttausenden von Menschen die Kraft gegeben, gewaltlos für ihre Rechte zu kämpfen. Und sie haben gemeinsam mit ihm ihre Wirklichkeit verändert, auch wenn das Thema der Rassendiskriminierung weltweit noch lange nicht ausgestanden ist.

Nicht jeder Traum wird Wirklichkeit, das stimmt. Aber jeder Traum, wenn ihn nur genügend Menschen träumen, wird die Wirklichkeit, wird unsere Welt verändern.

Du magst sagen, ich sei ein Träumer. Aber ich bin nicht der einzige. Ich hoffe, eines Tages wirst du dich uns anschließen. Und unsere zertrennte Welt wird wieder wie eine Welt sein.

Gemeinsam werden wir, wenn wir an unseren Träumen festhalten, die Welt verändern, oft für uns kaum erkennbar. Aber denkt daran: Der Traum Martin Luther Kings brauchte Jahrzehnte, um etwas in dieser Welt nur ein wenig zu verändern, und ist noch immer nicht erfüllt. Aber er hat etwas aufgebrochen, was auch seine schlimmsten Gegner nicht mehr aufhalten konnten: Den Weg der Liebe, dem niemand auf Dauer standhalten kann. Und wir können ihn mitgestalten – wir alle!

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