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Vom reichen Mann und vom armen Lazerus – Lk 16,19f

Lukas 16,19-31

Das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazerus – ein Gleichnis voller Bilder, die unsere Phantasie anregen; Bilder, die ganz gegensätzliche Reaktionen in uns hervor rufen, die uns zum Widerspruch reizen oder mit Genugtuung erfüllen; Bilder, die bei uns Ängste auslösen oder schlicht und einfach Ablehnung provozieren.

Phantasie anregend – so wie das Bild oben: ein Holzschnitt zu diesem Gleichnis aus der „Bibel in Bildern“ von Julius Schnorr von Carolsfeld, herausgegeben im Jahre 1860.

Auf der linken Bildhälfte: Oben der „prassende Reiche“, der sich von barbusigen Schönheiten verwöhnen lässt; und darunter der arme Lazarus, in dessen geöffnete Hand ein Diener Essensreste von einer Platte wischt, und dem währenddessen die Hunde die Wunden lecken. Auf der rechten Bildhälfte dann die umgekehrte Reihenfolge: Oben diesmal Lazarus, geborgen in Abrahams Schoß, und darunter der Reiche, die Arme bittend nach oben gestreckt, umzüngelt von Höllenflammen.

Die Gefahr bei all diesen Bildern, die dieses Gleichnis bei uns auslöst, ist jedoch, dass sich unsere Gedanken plötzlich verselbstständigen und wir uns dadurch mehr und mehr vom ursprünglichen Sinn des Gleichnisses entfernen.

Um dem jedoch auf der Spur zu bleiben, ist es zunächst einmal wichtig, die drei hauptsächlichen, uns in die irreführenden Bilder, ich könnte auch sagen „Vor-Urteile“ zu benennen und sie in uns auszulöschen. Oder anders gesagt: Wir müssen zunächst einmal herausfinden, worum es im Gleichnis nicht geht.

  1. Es geht nicht darum zu sagen: Die Reichen sind böse, weil sie reich sind, und kommen deshalb später in die Hölle, und die Armen sind gut, weil sie arm sind und kommen deshalb in den Himmel – dies ist eine gewiss primitive Denkweise, die jedoch in mehr Köpfen bei uns herumspukt, als wir es uns vorstellen können.
  2. Es geht auch nicht darum zu behaupten: Nach dem Tode gibt es eine ausgleichende Gerechtigkeit. Und das heißt dann in diesem Zusammenhang: Die Armen werden dann reich sein und die Reichen arm. Karl Marx hat diese Form der Zukunftsvertröstung mit Recht als „Opium für das Volk“ bezeichnet.
  3. Es geht nicht darum, Himmel und Hölle für uns darzustellen: Himmel, das ist irgendwo oben, geborgen wie „in Abrahams Schoß“ – und Hölle – das ist unten im körperliche Marter und Durst auslösenden Flammenpfuhl.

Auch wenn dies jetzt nicht unmittelbar das Thema des Gleichnisses ist, will ich gegen dieses oft verwendete Bild von Himmel und Hölle nur eines erklärend sagen: Wenn wir es lernen könnten, Himmel als Bezeichnung für erlebte Gottesnähe zu verstehen, dann würde Hölle nichts anderes bedeuten als erlebte Gottesferne. Oder ich könnte es auch so beschreiben: Himmel bedeutet, sich bewusst glaubend der Liebe Gottes auszusetzen und sie so dann auch zu erleben. Dann aber bedeutet Hölle: Sich, weil bewusst nicht glaubend, dieser Liebe Gottes nicht auszusetzen und sie dadurch auch nicht bewusst erleben zu können. Es geht darum zu wissen, dass Gott unser Glaubenwollen genauso akzeptiert wie unser Nicht-Glauben-Wollen, weil er uns liebt. Und dabei ist wichtig: Nicht er entzieht sich uns. Sondern nicht-glaubend entziehen wir uns ihm, seiner Liebe. Und eben dieses ohne Gott, ohne Gottes Liebe zu leben, leben zu wollen, dies bezeichnet die Bibel mit dem Begriff Hölle. Also etwas sehr Konkretes, das wir schon jetzt erleben können und nicht erst in der Ewigkeit, aber dann eben auch in der Ewigkeit gemäß dem Jesuswort: Gehe hin, dir geschehe wie du geglaubt – und ich ergänze: wie du nicht geglaubt – hast.

Wobei es uns nicht zusteht, Letzteres zu beurteilen, weil wir nicht wissen, welche Möglichkeiten sich und uns Gott auch dann noch schafft.

Es geht also nochmals zusammengefasst in diesem Gleichnis weder um die Diffamierung der Reichen noch um die Lehre von der ausgleichenden Gerechtigkeit nach dem Tode noch um eine realistische Darstellung von Himmel und Hölle.

Aber worum geht es denn dann?

Lesen wir diese Lehrgeschichte Jesu vom reichen Mann und vom armen Lazarus doch einmal von ihrem Ende her.

Abraham soll Lazarus zu den Brüdern des reichen Mannes schicken, um sie zu warnen, damit sie nicht denselben Fehler machen wie er. Was würden sie denn anders machen müssen als er?

„Wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.“

Nun verstehen wir: Nach seiner Einschätzung war sein Fehler gewesen, nicht Buße getan zu haben.

Oder anders gesagt: Ihm ist bewusst geworden, dass er damals seinen eigenen Weg gegangen war, bei dem Gott keine Rolle gespielt hat. Sein Ziel war es gewesen, schick gekleidet zu sein, das Leben zu genießen und, wie es heute so schön heißt, „Fun“ zu haben. Er hatte ein auf sich selbst bezogenes, Gott-loses, ein sich von Gott entfernendes Leben geführt. Das einzige, was ihm geholfen hätte, wäre Buße, Umkehr zu Gott gewesen. Und da kommt Lazarus ins Spiel. Sein Name ist nicht zufällig gewählt: El´asar = Gott hilft.

Lazarus war für den reichen Mann eine Hilfe, eine Chance Gottes, umzukehren, nach Gottes Willen zu fragen und sein Leben an Gott ausrichtend neu zu ordnen. Diese Chance lag „vor seiner Tür“, aber er hat sie nicht erkannt. Er hatte sich eingerichtet in seinem Leben. Er hat seinen Reichtum für sich genossen, obwohl er vielleicht geahnt hat, dass es besser ist, abzugeben, zu teilen. Er war nicht bereit, etwas im Sinne Gottes zu verändern. Und gerade da liegt die Pointe des Gleichnisses. Denn in seinem Leben hätte er die Chance zur Umkehr gehabt, hätte er sich Gott zuwenden, hätte er sein Leben anders regeln, sich um Lazarus kümmern können. Umkehr ist ein großes Thema im Lukas-Evangelium. Durch dieses Gleichnis will es uns daran erinnern, dass wir die Chancen der Umkehr für unser Leben haben, dass wir sie aber auch je und je erkennen und nützen müssen.

Lazarus = Gott hilft. Durch den Lazarus, der vor unserer Tür liegt, hilft uns Gott, den Weg zu ihm zurückzufinden.

Bei uns heute hätte Lazarus vielleicht andere Namen:

Den Namen eines Kindes, das weitestgehend sich selbst überlassen ist, mittags hungrig bleibt und keinen hat, der mit ihm spricht.

Den Namen einer alten Frau, die unter der Armut leidet, in die sie im Alter geraten ist und sich dafür schämt.

Die Namen einer Familie, die im Monat von weniger leben muss als ein gutbetuchtes Paar an einem Shoppingsamstag locker ausgibt.

Den Namen des einsamen Mannes, der sich nach Ansprache sehnt und etwas Gesellschaft.

Den Namen eines Flüchtlings, der sein Leben aufs Spiel setzt, um seine Chance zum Überleben wahrzunehmen.

Gebe Gott uns offene Augen und Herzen, damit wir den Lazarus vor unserer Tür sehen und nicht dort fehlen, wo man auf unsere Hilfe wartet.

Und da geht es eben nicht nur um diesen Lazarus, dass er Hilfe bekommt, sondern um uns selbst, um die Ausrichtung unseres Lebens auf den hin, auf den uns der Lazarus hinweist; es geht um den Glauben, um unser Vertrauen darauf, dass wir letztlich davon leben, dass „Gott uns hilft“.

Vom reichen Mann und armen Lazarus
19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.
20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren
21 und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.
22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.
23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.
24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen.
25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du adein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt.
26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus;
28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.
29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.a
30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.
31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

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