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Wozu den Gottesdienst besuchen?! – Römer 12,1-4

Wie wichtig ist für uns Evangelische eigentlich der sonntägliche Gottesdienstbesuch?

Wenn man die durchschnittlichen Besuchszahlen (vor Corona!) bei uns einmal anschaut, so scheint die Antwort sehr einfach zu sein: Nicht sonderlich! Nur etwa 2 bis höchstens 6% unserer Gemeindemitglieder sind in unseren Gottesdiensten anzutreffen

In der katholischen Kirche gibt es wohl die Sonntagspflicht (jedes Gemeindeglied sollte 1x am Wochenende zur Messe!). Aber auch dort nehmen die Zahlen vehement ab.

„Man kann ja auch ein guter Christ sein, ohne jeden Sonntag in die Kirche zu rennen!“, höre ich immer wieder.

Unser heutiger Predigttext scheint diesen kritischen Stimmen Recht zu geben. Da sagt nämlich Paulus im Römerbrief:

12,1: Ich ermahne euch nun, liebe Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Da steht nichts von sonntäglichem Kirchgang, sondern davon, dass der „vernünftige“ Gottesdienst im „Opfer, in der Hingabe des eigenen Leibes“ an Gott besteht. Gott, so Paulus, verlangt nicht nur einen Teil von uns, sondern den ganzen Menschen; und das nicht nur für eine Stunde wöchentlich, sondern für immer, Tag für Tag. Der „vernünftige“ Gottesdienst ist eine „Lebenshaltung“, und das im doppelten Sinne des Wortes:

1. Lebenshaltung im Sinne einer grundsätzlichen Einstellung zum Leben und zum Zusammenleben; die mir durch den Glauben an den Gott Jesu vorgegebenen Werte und Regeln, an die ich mich halte, weil ich mich ihm, diesem Gott gegenüber verantwortlich weiß.

2. Lebenshaltung im Sinne einer grundsätzlichen Einstellung zum Leben und Zusammenleben, die mir in meinem Leben, das von unendlich vielen Einflüssen und Forderungen von außen immer wieder erschüttert und in Frage gestellt wird, einen festen Halt bietet, von dem aus ich Entscheidungen zu treffen und die dann nötigen Schritte zu tun vermag.

Wie das konkret bei uns aussieht, beschreibt Paulus so:

12,2: Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Das ist das erste, was zu diesem „vernünftigen“ Gottesdienst dazugehört: „Stellt euch dieser Welt nicht gleich!“ Oft wurden diese Worte verstanden als Aufforderung an die ChristInnen, sich aus der Welt zurückzuziehen; um so am besten so wenig wie möglich mit ihr in Kontakt zu kommen; ein frommes Eigenleben zu führen und auf alles Weltliche, das ja dann immer als etwas Schlechtes, Minderwertiges angesehen wurde, zu verzichten. So, als ob nicht gerade Gott selbst uns diese Welt mit ihren Freuden und Leiden, mit ihren Ausgelassenheiten, aber auch mit ihren Grenzen als Lebensgrundlage anvertraut hätte, damit wir in ihr leben, als ein Teil von ihr, um sie „zu bebauen und zu bewahren“. Und doch sollen wir uns dieser Welt nicht gleichstellen, uns ihr nicht unbedacht anpassen, sondern immer zugleich auch in kritischer Distanz zu ihr bleiben; also nicht alles mitmachen, was sie als gut, wichtig und richtig propagiert, sondern zu prüfen, was von all dem, was von ihr kommt oder was sie von uns fordert, vor Gott bestehen kann. Es geschieht so vieles in unserer Welt, was mit unserem Glauben nicht zu vereinbaren ist. Deshalb: „Passt Euch nicht so einfach an! Macht nicht alles mit! Sondern prüft kritisch, was dem Willen Gottes entspricht, und das tut; und was ihm nicht entspricht, das lasst sein, dem widersprecht, dem verweigert Eure Gefolgschaft! Ob das der Welt nun so passt oder nicht!“

Das gehört zum „vernünftigen“ Gottesdienst dazu. Eine den ganzen Menschen einfordernde Lebenshaltung, die zugleich jedoch auch eine Gefahr in sich birgt. Hören wir dazu weiter auf Paulus:

12,3: Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

Da mahnt uns Paulus vor Überheblichkeit. Wer kennt sie nicht, die Gefahr der Überheblichkeit, sei es, dass wir versuchen, uns größer oder wichtiger zu machen als andere; und wo uns das nicht gelingt, da machen wir andere kleiner, um selbst größer zu wirken; eine Versuchung, der wir nur zu leicht erliegen. Und doch weiß auch jeder und jede von uns, wie sehr es uns schmerzt, wenn wir von anderen so behandelt werden. Wie viele Konflikte und Nöte auf unserer Welt im Großen wie im Kleinen sind nichts anderes als Früchte dieser menschlichen Überheblichkeit.

Erwartet da Gott nicht ganz schön viel von uns? Mit unserem ganzen Leben sollen wir ihm dienen, sollen aufgeben, was seinem Willen nicht entspricht, sollen in der Welt, aber doch zugleich in kritischer Distanz zu ihr leben, und das ohne Überheblichkeit. Wie sollen wir das alles denn überhaupt schaffen? Die Antwort des Paulus ist überraschend einfach:

12,4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 12,5 so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, 12,6a und  haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.

Gemeinsam! Nur gemeinsam werden wir diesen „vernünftigen Gottesdienst“ in der Welt verwirklichen können. Klarer lässt es sich nicht mehr ausdrücken: Glaube ist keine Privatsache. Wer glauben und im Glauben sein Leben gestalten will, bedarf der Gemeinschaft der Glaubenden, oder wie es im Glaubensbekenntnis heißt, „der Gemeinschaft der Heiligen“. Wir brauchen einander, um uns gegenseitig zu tragen und zu ergänzen mit unseren Gaben und Fähigkeiten, mit unseren Erfahrungen und Hoffnungen, mit unseren Höhen und Tiefen, mit unserer Glaubenskraft und mit unseren Zweifeln.

Paulus wählt dafür das schöne und plastische Bild von dem Leib, der aus vielen, unterschiedlichen Gliedern besteht. Ohne dass diese Glieder ihren ganz unterschiedlichen Aufgaben in diesem Leib nachkommen, bleibt er nicht lebensfähig, ja bleiben letztlich nicht einmal sie selbst lebensfähig.

Nur gemeinsam werden wir ihn schaffen, diesen „vernünftigen

Gottesdienst“; also das, was Gott von uns erwartet. Und damit wird auch deutlich, dass Kirche / Gemeinde mehr ist als eine Organisation, nämlich ein Organismus, in dem alle zusammenwirken und aufeinander angewiesen sind, in dem jeder und jede von uns ihren besonderen Platz, ihre Aufgaben haben; ein Organismus, der krankt, wenn wir diese unsre Gaben nicht einbringen.

Deshalb die abschließende Frage:

Wer ordnet nun das Zusammenspiel der einzelnen Glieder in diesem Leib, wer organisiert diesen Organismus?

Unsere evangelische Tradition kennt auf diese Frage nur eine Antwort: Das Wort Gottes, wie es uns in der Bibel, im Neuen Testament bezeugt wird. Dieses Wort Gottes ist, wie wir es im Katechismus gelernt haben, „die einzige Richtschnur des Glaubens und Wandels“ Es kontrolliert als Maßstab unser Leben und Zusammenleben und hilft uns zu prüfen, wie wir zu leben, zu reden und zu handeln haben. Es korrigiert uns, indem es uns aufzeigt, was anders sein kann oder anders werden muss bei uns. Und es koordiniert so letztlich unser Zusammenleben, indem es uns unter ein gemeinsames Vorzeichen stellt, nämlich das gemeinsame Bekenntnis der Christenheit, nicht nur als gemeinsam gesprochenes, sondern eben auch als gemeinsam gelebtes Bekenntnis.

Und da wird jetzt eines ganz deutlich: Der Ort, an dem dieses uns organisierende Wort Gottes zur Sprache kommt, wo es uns gemeinsam anspricht und so auch miteinander verbindet, ist der sonntägliche Gottesdienst.

Deshalb ist es einfach Unsinn zu behaupten, es wäre möglich, auch ohne sonntäglichen Gottesdienst ein „guter“ Christ zu sein. Denn gerade der gemeinsame Gottesdienst am Sonntag ist für uns die Voraussetzung für unseren gemeinsamen „vernünftigen“ Gottesdienst im Alltag.

Als miteinander auf Gottes Wort hörende Gemeinde werden wir dann auch jeder und jede von uns für sich selbst wahrnehmen, welche Gabe und Aufgabe uns zukommt in diesem einen Leib, dem wir durch unsere Taufe angehören, der uns trägt, in dem wir uns zugleich gegenseitig tragen und helfen zum Leben.

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