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Bismillah! – In Gottes Namen! – Römer 13,8-12

Es ist kein Zufall, dass das Kirchenjahr mit der „Adventszeit“ anfängt, also mit der Zeit, in der wir uns bewusst daran erinnern lassen sollen, dass wir die Wiederkunft Jesu Christi erwarten. Gleich zu Beginn des Kirchenjahres werden wir gleichsam auf das gemeinsame Ziel, auf das wir als Christenheit zu leben, eingeschworen.

So hat auch der heutige Bibeltext zugleich auch programmatischen Charakter. Wir sollen durch ihn eingestimmt werden auf unseren Weg in die Zukunft Gottes hinein. Denn diese Zukunft, die wir erwarten, rückt Tag für Tag näher.

So lesen wir im Römer-Brief des Apostels Paulus:

Das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Werke des Lichts. Lasst uns ehrbar leben wie am Tage.

So erinnert Paulus die Gemeinde in Rom an Advent. „Denkt immer daran: Wir leben in der Erwartung der Wiederkunft des Auferstandenen und damit in der stetigen Hoffnung, dass dann das Reich Gottes in dieser Welt in Fülle anbricht.

Die ersten Christen damals um das Jahr 60, als Paulus diesen Brief schrieb, waren eine kleine Schar; überall, wo sie lebten, eine Minderheit, vielfach bedroht und verängstigt. Meist mussten sie ihren Glauben heimlich leben, weil sie ständig der Verfolgung und der Gefahr, ob ihres Glaubens verhaftet zu werden, ausgesetzt waren. Deshalb warteten sie umso sehnlicher auf neue, auf bessere Zeiten. Das bedeutete für sie damals nicht einfach nur eine Verbesserung der Welt, sondern dass Jesus, wie er selbst es gesagt und die Apostel es ihnen verkündigt hatten, wiederkommen und dass dann alles anders werden würde. Dass dann die Hungernden satt würden und die Obdachlosen wieder ein Dach über dem Kop hätten, dass Krieg, Unterdrückung und vor allem dass die Zeit der Besatzungsmächte endlich ein Ende hätten, dass die Kriegsgefangenen und politischen Häftlinge wieder frei wären; ja dass jene Zeit anbrechen werde, in der, wie es beim Propheten so schön heißt, Löwe und Lamm friedlich beieinander lägen und die bisher Ohnmächtigen wieder mit erhobenem Haupt durch die Straßen gehen könnten.

Aber die Wirklichkeit, in der sie lebten, war eben eine ganz andere. Da war von der erhofften Zukunft noch nicht viel zu sehen.

Paulus erinnert sie deshalb sehr bewusst an Advent.

„Denkt an das, was uns verheißen ist! Mit jedem Tag, den Ihr lebt, seid Ihr der Erfüllung dieser Verheißung einen Tag näher gekommen. Deshalb lasst uns ehrbar leben wie am Tage!

Also so, dass es uns und dass es Gott zur Ehre gereichen kann, wie wir leben. Dass unsere Lebensweise nicht das Tageslicht scheuen muss, vor dem wir nichts verbergen können. Verliert nicht die Hoffnung auf das, was kommen soll!“

Dass es Gott zur Ehre gereichen kann.

Bei unserem interreligiösen Trialog habe ich von den muslimischen Frauen, wenn sie etwas begonnen haben, immer wieder ein Wort gehört: Bismillah! Als ich sie nach seiner Bedeutung fragte, erklärten sie mir: „In Gottes Namen!“ Dass das, was nun geschehen soll, in Gottes Namen geschehen soll, also so, dass es Gott zur Ehre gereicht. Wozu ich nicht Bismillah! sagen kann, das soll ich auch nicht tun – eine, wie ich finde, – großartige Entscheidungshilfe für den Alltag.

Seit Himmelfahrt leben wir also in einer Zwischenzeit zwischen Verheißung und Erfüllung. Mit dieser Verheißung hat sich uns eine neue Sichtweise eröffnet, die ihre Entsprechung in einer neuen Lebensweise hat, die sich vom Ende her gestaltet.

Wer in der Erwartung dieses Endes lebt, wer mit dem Kommen Jesu Christi rechnet, kann nicht mehr so leben wie vorher.

Und dann beschreibt Paulus diese neue Lebensweise folgendermaßen:

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn, was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Es geht ihm um eine neue Einstellung zum Leben und damit auch zum Zusammenleben, das zu allererst geprägt sein soll von der Liebe.

Darin erweist sich Paulus als wahrer Schüler der Lehre Jesu. Es geht in dieser neuen, in dieser Zwischen-Zeit bis zur Wiederkunft des Auferstandenen nicht mehr nur um die bloße Erfüllung der Gesetze. Sie, so sagt Paulus, wurden geschaffen, weil das, was das menschliche Miteinander eigentlich prägen sollte, leider eben nicht automatisch bei uns Menschen erwartet werden kann. Nämlich, dass wir uns „in Liebe“ begegnen. Denn wenn dieses „Sich-in-Liebe-Begegnen“ bei uns der selbstverständliche Umgang miteinander wäre, dann bräuchten wir keine Gesetze mehr, die unser Zusammenleben regeln und in verantwortbare Bahnen lenken.

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

Für die Juden, – und wir sollten nicht vergessen, dass die Lehre Jesu, dass die christliche Bewegung in ihrer Anfangszeit eine neue Richtung innerhalb des Judentums darstellte, – war die Erfüllung des Gesetzes oberstes Gebot. Das eigentlich Neue, was Jesus lehrte, war, dass er diesen einen Gedanken, der so auch schon in den heiligen Schriften des Judentums auftaucht, in das Zentrum seiner Verkündigung stellte:

Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung.

Dass er alles, was Gott von uns Menschen erwartet, auf diesen einen Begriff gebracht hat, mit dem schon die Tradition die 10 Gebote zusammengefasst hat:

Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Und: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Oder eben mit den Worten des Paulus:

Liebe ist des Gesetzes Erfüllung.

Warum ist sie das denn?

Die Erklärung, die Paulus für seine Feststellung gibt, ist erstaunlich einfach und lapidar:

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.

Nochmals: Weil genau dies bei uns nicht automatisch geschieht, „dass wir einander nichts Böses tun“, deshalb gibt es die Gesetze, auch heute noch.

Aber kein Gesetz kann uns vorschreiben, einander zu lieben.

Weil Liebe etwas ist, das aus uns herauskommen muss, unerzwungen, selbstverständlich, bedingungslos. Gleichwohl ist Liebe auch Ergebnis einer inneren Einstellung, eines Lernprozesses, eines sich immer neu Bewusstmachens: Ich kann das und ich will das auch.

Eine letzte Frage: Wie kommt denn diese Liebe in uns hinein, damit sie dann auch wieder aus uns herauskommen kann?

Die Antwort Jesu: Weil wir geliebt sind von Gott.

Und jetzt verstehen wir auch, wie fatal sich falsche Theologie auswirken kann:

Wer wie der junge Luther in dauernder Angst vor dem gerechten, strafenden Gott lebt, wer um die Zusage „Du bist das von Gott geliebte Geschöpf“, wer um die Erfahrung und die Gewissheit des Geliebtseins betrogen wird, hat es schwer damit, diese Liebe, die er ja kaum für sich fühlt, weiterzugeben an seine Mitmenschen.

Gerade deshalb hat die Erkenntnis dieses unbedingten Geliebtseins von Gott Luthers religiöses Denken und seine Theologie total verändert. Sich bewusst zu machen „Ja, ich bin geliebt von Gott“ befähigt und befreit uns dazu, nun auch einander zu lieben und liebevoll anzunehmen.

Und damit die Zwischenzeit bis zur Wiederkunft Jesu Christi zu prägen, für uns selbst und für die, mit denen wir gemeinsam, ob von uns nun gewollt oder auch nicht gewollt, unsere Lebenszeit teilen, vor Ort genauso wie weltweit.

Und das eben auch so, dass es immer dem Anspruch genügen kann: „in Gottes Namen“- „zur Ehre Gottes“.


8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.
9 Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.
12 Die Nacht ist vorgerückt, ader Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis.

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