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Jesus und die „Sozialhilfeempfängerin“ – Mk 12,41f

Mit Jesu Augen sehen lernen

Ich erinnere mich noch sehr gut an jene Szene vor unserer Pfarrhaustüre in Caracas: Gerade hatte ich sie wieder zu gemacht hinter einer jungen Frau. Ihre Haare waren wirr und ungewaschen gewesen, ihre Kleidung zerrissen und verdreckt. Eine schlimme Geschichte hatte sie mir erzählt, ihre Geschichte. Voller Leid, Grausamkeit und Not.

Es war wie immer gewesen: Wenn das alles stimmte, was sie mir da erzählt hatte, dann musste ich ihr helfen. Nur, war das alles wirklich wahr oder hatte sie mir nur eine Story erzählt, um mein Mitleid zu erregen und um mich dadurch gebebereit zu machen? Und wenn? Schlussendlich gab ich ihr ein paar Geldscheine – durch die hohe Inflation waren die Münzen kaum noch etwas wert -, damit sie sich davon Lebensmittel kaufen konnte. Und ein paar abgetragene Kleidungsstücke, die wir nicht mehr brauchten. Dankbar hatte sie sich verabschiedet. Gott möge mich segnen, sagte sie noch zum Schluss.

Und wie ich die Tür dann wieder schloss, sah ich schon den nächsten Bettler kommen. Einen alten Bekannten. Meist kam er mehrmals die Woche. Oft war er betrunken. Diesmal schien er noch einigermaßen nüchtern zu sein. Vor unserem Eingang befand sich ein Mäuerchen. Ich blickte durch den Türspion und sah, wie die junge Frau ihn ansprach. Dann setzten sie sich beide auf das Mäuerchen. Sie erzählte ihm offensichtlich ihre Geschichte und er hörte ihr aufmerksam zu. Plötzlich kramte er aus seinen Hosentaschen ein paar Münzen hervor, die er wohl gerade zuvor für sich selbst irgendwo erbettelt hatte, und gab sie der jungen Frau. Ich muss zugeben: Mich hat diese Szene unheimlich berührt. Ein Armer half mit dem, was er für sich selbst erbettelt hatte, einer Frau, die er wohl für noch ärmer oder noch bedürftiger hielt als sich selbst.

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Markus 12, 41-44   Altes Evangelium zum Sonntag Reminiscere

Jesus beobachtete die Opfergewohnheiten seiner Mitmenschen beim Verlassen des Tempels. Was hier in den „Gotteskasten“ eingelegt wurde, war damals so etwas wie eine freiwillige Sozialsteuer. Es gab ja noch keine Kranken-, Alters- oder Arbeitslosenversicherungen, kein staatlich finanziertes soziales Netz, das Menschen auffing, wenn sie hilfsbedürftig wurden.

Das ging oft schneller, als gedacht. Viele Männer waren Tagelöhner, die nur von morgens bis abends angestellt und dann eben auch bezahlt wurden. Gab es keine Arbeit, wurde der Ernährer krank oder starb er gar, blieb der Frau und den Kindern nichts anderes übrig, als zu betteln. Wehe denen, die in solch einer Situation noch Schulden zurückzuzahlen hatten. Ihnen drohte die Schuldknechtschaft, was bedeutete, dass sie unentgeltlich für den Geldgeber arbeiten mussten, bis ihre Schulden beglichen waren, was zugleich jedoch auch für sie bedeutete, dass sie in dieser Zeit ja nichts für ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Deshalb kam diesem „Gotteskasten“ damals eine besonders wichtige Bedeutung zu. Denn aus den Geldern, die dort gespendet wurden, konnten die Priester Kranke, Witwen und Waisen, alte Menschen und sonst wie hilfsbedürftig Gewordene unterstützen. Dieses Almosengeben, wie das Spenden in den „Gotteskasten“ genannt wurde, gehörte wie das Beten und das Fasten zu den drei Frömmigkeitsübungen, zu der alle Juden verpflichtet waren.

Jesus konnte, so hörten wir, mit dem, was er zu sehen bekam, zufrieden sein.

Viele Reiche legten viel ein.

Aber dann fällt ihm eine arme Witwe auf. Trotz ihrer offensichtlichen Armut kommt auch sie dieser frommen Pflicht des Almosengebens nach. Und das, obwohl sie selbst praktisch nichts hat und eigentlich eher zu den Empfangenden dieser Tempelsteuer gehören müsste. Zwei Scherflein, wird berichtet, gibt sie, recht besehen also einen Betrag, der so gering ist, dass man auf ihn eigentlich gut hätte verzichten können.

Jesus rief daraufhin seine Jünger zusammen, um ihnen davon zu erzählten, was er da gerade erlebt hatte. Diese Witwe hatte ihn offensichtlich mit ihrer Spende schwer beeindruckt. Das wollte er ihnen mitteilen und ihnen zugleich die Augen öffnen für das, was die Spende dieser Frau zu etwas Besonderem gemacht hatte.

Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.

Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt.

Das mit dem Geben aus dem Überfluss war für Jesus nichts Schlechtes! Es ging ihm auch gar nicht um die übrigen Spender. Und es ging ihm dabei auch nicht darum, Kritik an den Reichen, die im Überfluss lebten und aus diesem Überfluss etwas abgeben konnten, ohne dass ihnen dies besonders wehgetan hätte, zu üben.

Sondern es ging Jesus allein um diese Frau und um ihre Spende.

Vom Betrag her war diese Spende kaum mehr als nichts. Gemessen jedoch an dem, was diese Frau besaß, war es unendlich viel, weil es alles war, was sie hatte. Deshalb Jesu Hinweis:

Diese hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Das war das Besondere an ihrer Spende. Normalerweise hätte dies auch niemand sonst bemerkt. Es war ja auch verhältnismäßig wenig im Vergleich zu den Reichen. Aber im Vergleich zu dem, was diese Frau besaß, war dies eine Riesensumme, die sie da gespendet hatte.

Das wollte er zunächst einmal seinen Jüngern bewusst machen: Wie wichtig es ist, die Armen eben nicht nur als Arme zu sehen in ihrer Bedürftigkeit und in ihrem Angewiesensein auf andere, also eher geringschätzig, sondern sie als Menschen wahr- und ernst zu nehmen, die trotz ihrer misslichen Umstände, in denen sie leben, ein Recht und einen Anspruch darauf haben, von ihren Mitmenschen mit Würde behandelt zu werden.

Nicht ohne Grund steht in unserem durch christliche Traditionen geprägten Land im Grundgesetz der Schutz der Menschenwürde für uneingeschränkt alle Menschen an erster Stelle. Daran sollten auch wir uns immer wieder erinnern lassen, wenn wir in der Gefahr stehen, pauschal und mit Vorurteilen behaftet über die „Sozialfälle“ unserer Zeit herzuziehen. Hinter jedem „Sozialfall“ steht ein Mensch mit seiner ganz eigenen Geschichte, der ein Anrecht darauf hat, mit Würde behandelt zu werden, egal, wie er sich jeweils präsentiert. Wenn sich z. B. manche der Mitarbeitenden in der Agentur für Arbeit oder im Medizinischen Dienst bewusster an unserem Grundgesetz orientieren würden, dann würde dort vielen Bedürftigen die Erfahrung von entwürdigender Behandlung erspart.

Und noch etwas: Indem diese Frau beim Gotteskasten, die nichts hat, trotzdem etwas gibt, wird bei ihr diese Würde, die sie in sich trägt, sichtbar. Auch wenn es scheinbar nichts ist, was sie beiträgt, so will sie doch ihre Verantwortung für das Gemeinwohl mittragen und nicht nur Almosenempfängerin bleiben. Gestehen wir den „Sozialhilfeempfangenden“ unserer Zeit dies überhaupt zu, dieses Verantwortungsgefühl für das Gemeinwohl oder sprechen wir es ihnen nicht von vorne herein schon ab? Wenn wir von Jesus lernen könnten, mit seinen Augen hinzuschauen, wären wir gewiss oft erstaunt, wie viel „soziales“ Verhalten da im Verborgenen doch geschieht, so wie eben zum Beispiel damals vor unserer Haustüre in Caracas.

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