Zum Inhalt springen

Schma Israel – שמע ישראל

Das Glaubensbekenntnis Israels – nur Israels?

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen und sollst sie deinen Kindern erzählen und von ihnen reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder wenn du unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder wenn du aufstehst. Und du sollst sie binden als Zeichen um dein Handgelenk. Sie sollen als Merkzeichen auf deiner Stirn sein. Und du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Tore schreiben.

5. Mose 6, 4-9

                                                     

Diese zwei Sätze haben für den jüdischen Glauben zentrale Bedeutung, so ähnlich wie bei uns das Glaubensbekenntnis:

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.

Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

Das Bekenntnis zu dem einen, alleinigen Gott und die Aufforderung, ihn allumfassend zu lieben.

Zwei absolute Neuerungen damals:

1. In einer Umwelt, in der es nur so von Göttern und Göttinnen wimmelte, beschränkt sich das Volk Israel auf die Verehrung nur eines einzigen Gottes, dessen Namen „Jahwe“ es aus Ehrfurcht und, um ihn nicht zu missbrauchen, nicht ausspricht.

Der HERR ist unser Gott, der HERR allein.

Er, der Gott ihrer Väter, der sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit hatte, ist für das Volk Israel spätestens seit der Wüstenwanderung der einzige legitime Gott, dem allein Verehrung gebührt.

2. In einer Umwelt, in der die Menschen Angst hatten vor ihren Göttern, vor deren Strafen und Willkür, soll die Gottesbeziehung nicht in der Angst vor Gott, sondern in der alles umfassenden Liebe zu ihm begründet sein.

Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

Dieser Gott Israels will nicht gefürchtet, sondern geliebt werden.

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.

Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

Zwei Sätze von höchster Bedeutung für den jüdischen Glauben.

Zwei Sätze, an die es sich immer wieder zu erinnern gilt. Deshalb heißt es dann weiter:

Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen und sollst sie deinen Kindern erzählen und von ihnen reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder wenn du unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder wenn du aufstehst. Und du sollst sie binden als Zeichen um dein Handgelenk. Sie sollen als Merkzeichen auf deiner Stirn sein. Und du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Tore schreiben.

Dem Neugeborenen werden sie ins Ohr geflüstert. Den ganzen Tag sollen sie allgegenwärtig sein als permanente Erinnerung an den, dem alles Leben seine Existenz verdankt, an die enge Verbundenheit mit ihm, die Leben sichert und garantiert.

Höre, Israel! Oder auf Hebräisch: Schma Jisrael!

Wie beim Vaterunser ist der Beginn dieses Gebetes zugleich sein Name: Schma Jisrael!

Allgegenwärtig soll es sein, nicht nur im Kopf, in den Gedanken, „auf dem Herzen geschrieben“, sondern auch äußerlich.

Und du sollst sie binden als Zeichen um dein Handgelenk. Sie sollen als Merkzeichen auf deiner Stirn sein.

Zu bestimmten Gebeten legen aus diesem Grund männliche Juden Gebetsriemen, die Tefelin, an um den linken Arm und um die Stirn. An diesen Riemen sind kleine Lederkapseln angebracht, die kleine Pergamente enthalten, auf die eben dieses Gebet „Schma Jisrael“ oder andere Texte aus der Tora geschrieben sind, damit sie so dem Auftrag nachkommen können, „diese Worte als Merkzeichen zu tragen am Handgelenk und an der Stirn“.

Und du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Tore schreiben.

Deshalb befindet sich am Türrahmen eines jeden jüdischen Hauses, traditionell sogar an jedem Türrahmen im Haus, eine Kapsel genannt “Mesusa“, die ebenfalls ein Pergament mit dem „Schma Jisrael“ enthält. Manche gläubige Juden küssen die Mesusa beim Betreten eines Raumes, indem sie die Fingerspitzen der rechten Hand an die Mesusa und dann zum Mund führen.

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.

Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

„Wir glauben an den einen Gott, zu dem wir in einer Liebesbeziehung, und eben nicht in einer Angstbeziehung stehen.“

Das waren die beiden großartigen Neuerungen, die durch das Judentum Eingang in unsere Welt gefunden und die genauso auch für uns Christen Gültigkeit haben, wobei wir als Nichtjuden natürlich keine „Tefilin“, keine „Mesusot“ verwenden.

„Schma Jisrael“ – nach christlichem Verständnis gilt die Selbstoffenbarung Gottes und sein Bund seit Jesus nicht nur ausschließlich dem Volk Israel, sondern aller Welt, die im Glauben an ihn diesen Bund sucht:

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. (Joh. 3,16)

Für den Juden Jesus war dabei wichtig, nicht nur von uns die Liebe zu Gott zu fordern, sondern stets zu bezeugen, dass unserer Liebe zu Gott immer die Liebe Gottes zu uns vorausgeht. Dass wir die von Gott geliebten Geschöpfe sind und dass es nichts und niemanden gibt, der uns von dieser Liebe Gottes zu trennen vermag.

Das Andere: Jesus kombiniert das Gebot der Gottesliebe mit dem Gebot der Nächstenliebe. Letzteres kommt auch bereits im Alten Testament vor, aber nicht mit dieser besonderen, nahezu gleichberechtigten Bedeutung.

So lesen wir bei Markus im 12. Kapitel:

Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5.Mose 6,4-5). Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Das war eigentlich das Neue, die neue Lehre, mit der Jesus seiner Tradition begegnete und mit der er sie zugleich neu interpretierte:

Die Lehre von der Liebe Gottes, mit der Gott uns begegnet, obwohl wir oft nicht so sind, wie er uns gerne hätte. Diese unendliche, für uns unbegreifliche Liebe, die uns dazu befähigen will, nun auch unsererseits unseren Mitmenschen, selbst den uns feindlich gesonnenen, ja der gesamten Schöpfung und gerade auch uns selbst liebevoll zu begegnen.

Die Vision und die Mission Jesu war und ist es, dass letztlich nur die Liebe unserer Welt ein neues Gesicht, oder ich könnte auch sagen, Zukunft zu geben vermag.

Wir Christen haben übrigens ähnlich wie die Juden mit ihrem „Schma Jisrael“ ein Zeichen, das uns allgegenwärtig daran erinnert, dass wir jederzeit der Liebe, der Gottes- und der Nächstenliebe, dienen sollen in allem, was wir denken, reden und tun: Das Kreuz – „Merkzeichen“ des Lebens und der Liebe. Vielleicht sollten wir unter diesem Vorzeichen wieder bewusster das Kreuz tragen – am Hals oder vielleicht sogar am Handgelenk.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.