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Taufe – Tor zur Freiheit?!

Eine kritische Auseinandersetzung mit unserer Kirche

„Taufe – Tor zur Freiheit?!“

Ist sie das wirklich, die Taufe, – das Tor zur Freiheit?

Oder war sie, wenn wir auf die Geschichte unserer Kirche bis in die Gegenwart hinein zurückblicken, für viele Menschen nicht eher gerade das Gegenteil?

Also dass für viele Generationen mit ihrer Taufe vielmehr die Zeit innerer und manchmal sogar äußerer Unfreiheit begann, und dies durch die Verkündigung einer Kirche, die immer wieder auch um ihrer eigenen Machtinteressen willen ihre Mitglieder statt, wie es ihr Auftrag ist, sie zu befreien, unterdrückt hat und vielleicht noch immer unterdrückt?

Vielleicht sollte ich zum besseren Verständnis dieses Gedankens darauf hinweisen, dass es für mich nur die eine Kirche Jesu Christi gibt. Aufgrund unterschiedlicher geschichtlicher, von ethnischen Traditionen geprägten, philosophischen und weiteren lokalen Voraussetzungen haben sich dann im Laufe der Kirchengeschichte unterschiedliche Konfessionen herausentwickelt und verfestigt, die sich jedoch, ob dies ihnen nun so passen mag oder nicht, gemeinsam zu der einen Kirche Jesu Christi ergänzen und die miteinander wie im Epheserbrief auf einen kurzen Nenner gebracht untrennbar verbunden sind durch die Formel:

Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Wir alle wissen, dass diese vielgestaltige Kirche Jesu Christi im Laufe ihrer Geschichte in ihren Teilen auch immer wieder selbst vor dem Anspruch ihres Verkündigungsauftrags versagt hat. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat uns gelehrt, Kirche unter einem ganz einfachen Kriterium auf ihre Verkündigungsgemäßheit zu überprüfen mit den beiden Fragen: Wo hat sie die Menschen unterdrückt und wo hat sie sie zum Leben befreit? Ich finde dies eine sehr gute und einsichtige Methode, weil sie uns sehr schnell erkennen lässt, wo Kirche ihrem Auftrag gefolgt ist und wo sie ihn missbraucht hat.

Denn wo Bestandteile/Gruppen innerhalb dieser einen Kirche ihre Mitglieder unterdrücken, also Macht auf sie ausüben, und dies gilt für früher genauso wie für heute, dort ist zumindest bei denen die Taufe für die Menschen, die sie dort empfangen, kein Tor zur Freiheit.

Ich bedauere es zutiefst, wenn ich im Blick auf die Geschichte der Kirche und auch im Blick auf so manche Erfahrungen, die ich selbst im Laufe meines Lebens mit einer unterdrückerischen Kirche gemacht habe, daran denke muss, wie vielen Menschen durch die Begegnung mit solch einer Kirche klein, unglücklich, mutlos, ja vielleicht sogar abhängig gemacht worden sind!

Wir sollten uns darüber im Klaren sein:

Eine Kirche, die Macht haben und behalten will, bestreitet damit zugleich dem die Macht, der sie tatsächlich hat, nämlich Gott, und vergisst, dass sie nicht als Mächtige, sondern als Bevollmächtigte des allein Mächtigen den Auftrag hat, Gottes Willen zu verkündigen in Wort und Tat, und das heißt: Dass sie den Auftrag hat, den Menschen Mut zu machen, ihr Leben zu wagen, auch auf die Gefahr hin, dabei Fehler zu machen, weil ihnen in alledem die unverbrüchliche Liebe und Güte Gottes gilt, die sie ihnen zuzusprechen hat; die den Auftrag hat, das Selbstwertgefühl der Menschen nun eben nicht zu zerstören, sondern vielmehr zu stärken, indem sie ihnen bezeugt, dass sie als von Gott Geliebte einen unverlierbaren Wert besitzen, der nicht abhängig ist von Erfolg oder Misserfolg; den Auftrag, die Menschen aufzufordern, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen und dies auch durch das eigene Glaubenszeugnis vorzuleben; den Auftrag hat, die Menschen dessen zu vergewissern, dass sie Gottes Eigentum sind und niemand sonst das Recht hat, sich ihrer zu bemächtigen.

Und wo Kirche das tut, da wird für ihre Gläubigen die Taufe tatsächlich zum Tor zur Freiheit. Eröffnet sie einen neuen, von religiösem Druck befreiten Horizont der Zuversicht, der Hoffnung, der Freude – auch und gerade dann, wenn es schwer wird in ihrem Leben.

Durch die Taufe besiegeln wir von menschlicher Seite her den Bund, den Gott uns durch Jesus Christus eröffnet und geöffnet hat, bringen wir zum Ausdruck, dass wir zu Gott gehören und unser Leben seinem Wort entsprechend gestalten wollen. Durch sie werden wir Teil seiner Kirche, der Gemeinschaft der auf ihn Vertrauenden. Durch sie haben wir bildlich gesprochen einen Platz am Tisch Gottes, der, auch wenn wir von ihm weggehen, immer für uns frei bleiben wird, und dies sogar auf die Gefahr hin, dass wir nie wieder zu ihm zurückkehren.

Oder noch anders ausgedrückt: Die Taufe bleibt, wenn sie erst einmal erfolgt ist, für immer fester Bestandteil unseres Lebens, der uns nie von niemand mehr weggenommen werden kann. Wir können sie wohl vernachlässigen oder gar vergessen, aber sie wird trotzdem immer ihre Gültigkeit für uns behalten – von uns her und vor allem von Gott her.

Martin Luther berichtet dies bestätigend, dass er sich gerade in Stunden der Glaubenszweifel, der Angst und der Verzweiflung mit Kreide auf den Tisch geschrieben hat: „Baptizatus sum“ – „Ich bin getauft“, um durch diese Erinnerung an den mit ihm bestehenden Taufbund, den Gott mit ihm geschlossen hat, wieder neuen Mut zu schöpfen durch die Gewissheit, wie Paulus sie im Römerbrief formulierte:

Dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Dasselbe darf auch für uns Gültigkeit haben und behalten.

Und so wird dann für uns die Taufe tatsächlich zum Tor zur Freiheit, zu einer Freiheit, die uns nicht einmal eine auf Abwege der Macht geratene Kirche nehmen kann.

Ist das nicht ein Grund zur Freude?

Und die Liebe Gottes, die größer ist, als dass wir sie fassen und verstehen können, bewahre uns im Glauben durch Jesus Christus. AMEN

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