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Evangelische Sankt-Martins-Predigt

Sankt Martin – den kennt zumindest jedes Kindergartenkind, ob nun katholisch oder evangelisch, muslimisch oder auch sonst irgendeiner anderen Religion angehörend, und damit auch jeder Erwachsener, der früher einmal in den Kindergarten gegangen ist. Sankt Martin, der „wo seinen Mantel geteilt hat!“ Sankt Martin, dem die beliebten Laternenumzüge ihren Ursprung verdanken oder die schmackhaften Martinswecken oder schließlich die Martinsgans.

Nun ist es bei den Evangelischen im Gegensatz zu den Katholiken nicht gerade üblich, über Heilige zu predigen, weil uns die sogenannte Heiligenverehrung fremd ist; also die Vorstellung, dass wir verstorbene Menschen, die in der Geschichte der christlichen Kirche in vorbildlicher Weise ihren Glauben gelebt und bezeugt und oft sogar mit ihrem Leben dafür bezahlt haben und die genau aus diesem Grund jetzt im Himmel Gott oder Jesus Christus näher seien, darum bitten könnten, uns in bestimmten Situationen – alle Heiligen haben schließlich ihr eigenes „Spezialgebiet“! – zu helfen oder bei Gott für uns ein gutes Wort einzulegen.

Für uns Evangelischen mögen sie Vorbilder im Glauben sein, die uns dazu ermutigen können, auf unseren Glauben zu vertrauen oder für ihn einzustehen, aber mehr auch nicht. Abgesehen davon ist nach evangelischem Verständnis alles das „heilig“, was zu Gott gehört. Spätestens mit unserer Taufe werden wir damit Teil der „Gemeinschaft der Heiligen“, zu der wir uns im 3. Artikel des Glaubensbekenntnisses bekennen.

Inwiefern aber ist dieser Heilige Martin für uns Evangelische ein zum Glauben ermutigendes Vorbild?

Zuvor jedoch möchte ich noch etwas zur Biographie des Sankt Martin sagen.

Martin – dieser Name geht übrigens auf den römischen Kriegsgott Mars zurück – wurde um 316/317 in Savaria in der römischen Provinz Pannonia prima, heute Ungarn, geboren. Aufgewachsen ist er in Pavia/Oberitalien, der Heimat seines Vaters, eines römischen Offiziers. Mit 10 Jahren begann er mit dem Taufunterricht, getauft wurde er jedoch erst als 18-Jähriger. Mit 15 Jahren ging er widerwillig zum Militär, wozu er als Sohn eines römischen Militärs verpflichtet war. Vor einer Schlacht gegen anrückende Germanen in der Nähe des heutigen Worms verweigerte er als Offizier des römischen Besatzungsheeres die Teilnahme mit dem Hinweis, er sei von nun an nicht mehr „miles Caesaris“, ein Soldat des römischen Kaisers, sondern „miles Christi“, Soldat Christi, und bat um Entlassung aus dem Armeedienst. Dies wurde ihm jedoch erst nach Ableistung seiner 25-jährigen Dienstzeit im Alter von 40 Jahren von Kaiser Julian gewährt.

Ab 334 war Martin als Soldat der Reiterei der Kaiserlichen Garde in Amiens stationiert. Aus dieser Zeit stammte dann wohl auch die berühmte Mantel-Legende. Nach seiner Militärzeit gründete er Klöster und wurde schließlich 372 zum Bischof von Tour geweiht, eine Weihe, der er sich nach der Legende durch sein Verstecken in einem Gänsestall vergeblich zu entziehen suchte, worin schließlich die Martinsgans vermutlich ihren Ursprung fand. Er half, so wird berichtet, vielen in der Not, war aber auch einer, der sich streitbar für den rechten Glauben einsetzte. So verweigerte er Bischöfen, die seiner Meinung nach im Glauben nicht standhaft geblieben waren, die Abendmahlsgemeinschaft. Martin starb 81-jährig am 8. November 397 in Candes bei Tours in Frankreich. Sein Leichnam wurde in einer Lichterprozession mit einem Boot nach Tours überführt, woraus sich später wohl die Tradition der „Laternenumzüge“ entwickelte, und am 11.11.397 beerdigt, was dann auch den Gedenktag Sankt Martins begründete.

Noch etwas Interessantes: Martins Mantel (lat. cappa) gehörte seit der Merowingerzeit zum Kronschatz der fränkischen Könige und reiste mit ihrem Hof von Aufenthaltsort zu Aufenthaltsort. Aufbewahrt wurde er häufig in kleineren, als Kirchenraum dienenden Räumlichkeiten, die danach auch als Kapellen bezeichnet wurden. Die die Cappa begleitenden Geistlichen hießen deshalb Kapellane (Kaplane).

Nun aber zur Vorbildfunktion des Heiligen Martin für uns:

Ich sehe da bei mir vor allem auf ein Bild, das recht besehen gar nichts Besonderes, sondern eher menschlich Selbstverständliches darstellt: Dieses uns allen hinlänglich bekannte Bild von Martin, hoch zu Ross, und vor ihm der für diese Jahreszeit viel zu dünn angezogene Bettler. Es ist klar: Solch ein Mensch braucht selbstverständlich Hilfe. Aber es ist eben nicht selbstverständlich, dass er sie auch tatsächlich bekommt, damals genau so wenig wie heute.

Ich phantasiere einmal weiter: Wenn ich diesem Mann heute begegnen würde, dann würde ich mich vermutlich gleich fragen: „Wo hat der denn seine übrige Kleidung wohl versteckt? Der will mir mit seinem Outfit doch nur das Geld aus der Tasche locken!“ Bei mir stehen fast täglich Menschen vor der Pfarrhaustüre mit den tollsten Geschichten, bei denen ich oft nicht weiß, was an ihnen wirklich stimmt und was nicht. Menschen, die mich genau auf diese Selbstverständlichkeit, dass ihnen in ihrer Situation Hilfe unbedingt zusteht, hin ansprechen, ja unter Druck setzen.

„Was ihr getan habt einer unter diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan,“ sagte Jesus, aber auch: „Was ihr ihnen nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“

Nichtwahr: Ihr seht sie ja auch fast täglich, diese Menschen, die auf der Straße knien und um Geld betteln. Brauchen sie es wirklich für sich? Oder müssen sie später das Erbettelte weitergeben an ihre Kapos, die sie einen Tag hier und den nächsten dort in Gruppen zum Betteln in einer ihnen unbekannten Stadt absetzen? Ist das organisierte Bettelei oder echte Hilfesuche? Lässt sich das überhaupt so eindeutig feststellen?

Als wir in Venezuela lebten, erlebte ich in diesem Zusammenhang einmal Folgendes:

Da kam eine echt zerlumpt angezogene Frau an die Türe unseres Pfarrhauses und bettelte bei uns um Kleidung für sich. Ob wir nicht etwas Abgetragenes von uns für sie hätten. „Sie sehen ja, ich habe nichts Vernünftiges zum Anziehen!“ Meine Frau packte einige Kleidungsstücke zusammen und gab sie ihr.

Nach einiger Zeit kam sie wieder, genauso zerlumpt wie beim ersten Mal und fragte wieder nach abgetragener Kleidung für sich. Ich fragte zurück, was denn aus der Kleidung geworden wäre, die wir ihr beim letzten Mal gegeben hatten. Schließlich kam heraus: Die hatte sie verkauft.

Als ich das hörte, ärgerte ich mich, weil ich mich von ihr so richtig hinters Licht geführt fühlte, bis sie mir dann erklärte, dass sie mit dem Erlös für gebrauchte Kleidung, die sie bei den Leuten erbettelte, Essen für ihre Familie kaufen kann.

Oft urteilen wir gerade im Zusammenhang mit Armut, ohne die für diese Menschen wirklichen wichtigen Zusammenhänge auch nur annähernd zu erkennen oder zu verstehen.

Vielleicht hatte Sankt Martin es da damals leichter. Er jedenfalls, und das ist das, womit er überrascht hat, reagierte ganz unmittelbar und ganz direkt. Eigentlich ganz einfach: Der, der friert, braucht etwas zum Wärmen; die Kranke braucht Medizin oder einen Arzt; wer Hunger hat, braucht etwas zu essen; die Durstige etwas zu trinken.

Nur: Wenn jemand zu mir an die Türe kommt und um etwas zu essen bittet, dann bekommt er etwas zu essen. Wenn er aber ablehnt, dass ich ihm ein Brot richte, und stattdessen Geld will, dann braucht er keine Hilfe gegen den Hunger. Er soll mir ehrlich sagen, was er wirklich braucht und dann kann ich entscheiden, ob ich helfen will und kann oder nicht.

Helfen bedeutet, 1. ganz konkret dort zu unterstützen, wo Hilfe gebraucht wird und 2. wo immer es im Bereich meiner Möglichkeiten ist. Dabei ist Kreativität und Phantasie gefragt und vor allem die Bereitschaft zu teilen und auch dazu, lieber einmal ausgenützt zu werden als einmal zu Unrecht die Hilfe zu verweigern. Und helfen bedeutet 3., dem die Hilfe empfangenden Menschen durch die Art und Weise meines Helfens nie seine Würde zu nehmen.

Dafür ist Sankt Martin unser Vorbild.

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