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Freiheit muss man leben! – 2. Mose 16

Wer als Befreiter noch wie ein Sklave denkt, redet und handelt, wird nie wirklich „frei“ sein können!

Der Jubel war groß beim Volk Israel: Endlich war es geschafft! Wie schwer hatten sie unter der Sklavenherrschaft der Ägypter gelitten! Wie sehr hatten sie sich nach der Freiheit gesehnt. Voller Hoffnung, aber auch voller Skepsis hatten sie die letztlich immer wieder erfolglos gebliebenen Befreiungsversuche des Mose beobachtet, bis ihnen der Pharao überraschenderweise die Erlaubnis gab, in ihre Heimat zurückzukehren. Hals über Kopf waren sie losgezogen, weil sie befürchten mussten, dass der Pharao es sich im letzten Moment anders überlegen könnte, was dann ja tatsächlich auch geschah. Nur wie durch ein Wunder war es ihnen gelungen, ihm und seinen Soldaten nunmehr endgültig zu entkommen. Endlich waren sie freie Menschen, nicht mehr versklavt und unterdrückt.

Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, ein Tamburin in die Hand und alle Frauen folgten ihr nach mit Tamburinen und tanzten vor Freude. Und Mirjam sang ihnen vor:

Lasst uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.

Mirjams Lied und die Freudentänze der Befreiten!

Aber bald wurde diese Freude wieder von der Realität des Lebens eingeholt. Befreit zu werden, ist eine Sache. Aber dann als befreite, als freie Menschen zu leben, ist noch etwas ganz anderes. Im 16. Kapitel des 2. Mosebuches lesen wir dazu:

Da murrte das ganze Volk der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr dieses ganze Volk an Hunger sterben lasst.

Und der HERR sprach zu Mose: Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin.

Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Was ist das? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat. Das ist’s aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

Wir könnten uns jetzt natürlich Gedanken machen über die Fragen, weshalb die Wachteln gerade zu diesem Zeitpunkt und gerade an diesem Ort scharenweise praktisch in den Fleischtöpfen der Israeliten ihre Zwischenlandung gemacht haben und ob mit Manna tatsächlich jenes Ausscheidungssekret gewisser Schildläuse auf den Blättern einer Wüstenpflanze oder eher das Harz der sogenannten Manna-Tamarisken gemeint ist.

Nur, in diesem Bibeltext geht es um weitaus mehr.

Zum ersten Mal seit vielen Generationen wird das Volk Israel mit der Freiheit konfrontiert. Sie müssen erst einmal lernen: Wie lebt ein freier Mensch, wie denkt er, wie geht er mit seiner Freiheit um? Es reicht nicht aus, sich über die gewonnene, oder ich könnte auch sagen, sich über die von Gott geschenkte Freiheit zu freuen. Freiheit muss gelebt, mit Leben erfüllt werden. Und das, mussten die Israeliten dann und in der Folgezeit feststellen, das ist gar nicht so einfach.

Recht besehen: Daran hat sich bis heute nichts geändert. Dass Freiheit zu leben nicht einfach ist, das gilt genauso auch für uns. Und deshalb können wir auch für uns heute vieles aus den Befreiungserfahrungen des Volkes Israel lernen. Dazu drei Gedanken, die sich aus diesem Predigttext erschließen:

1. Zum Frei-Sein gehört, nicht mehr wie ein Sklave zu denken.

Das war das erste, was die Israeliten zu lernen hatten.

Da murrte das ganze Volk der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr dieses ganze Volk an Hunger sterben lasst.

Natürlich ging es um ein wichtiges Problem: Um den Hunger. Aber statt nun gemeinsam nach Lösungen für dieses Problem zu suchen, machten sie Moses und Aaron und damit letztlich Gott dafür verantwortlich. Ja noch mehr: Kaum ergibt sich durch diese neue Situation der Freiheit für sie ein erstes ernsteres Problem, sind sie bereit, dafür das Ganze wieder in Frage zu stellen. Weil sie noch immer wie Sklaven denken. Bisher, und daran hatten sie sich auch so richtig gewöhnt, waren sie von ihren Sklaventreibern versorgt worden. Jetzt, in der Freiheit, müssen sie sich plötzlich selbst um ihre Versorgung kümmern. Und da spielt, so hörten wir, für sie die ganze erbärmliche Situation in der Sklaverei plötzlich keine Rolle mehr. Sie sehnen sie sich nur noch zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens. So denken Sklaven, aber keine Freien.

Wer frei leben will, darf oder besser muss bereit dazu sein, sich frei zu machen von jeglicher Form der Unterdrückung und von deren Folgen. Das fällt auch uns heute immer wieder sehr schwer. Vielleicht, weil es sich unfrei viel bequemer leben lässt.

Eng dazu gehört der zweiter Gedanke:

2. Zum Frei-Sein gehört die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Die Israeliten mussten sehr schnell lernen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Bisher hatten ihnen ihre Sklavenhalter das Wesentliche abgenommen: Sie hatten sich gewiss nicht sonderlich gut, aber eben halt doch darum gekümmert, dass sie versorgt waren mit dem, was sie zum Leben brauchten, dass sie, in diesem Zusammenhang mag es ein wenig zynisch klingen, für ihren Lebensunterhalt Arbeit hatten. Und sie hatten sie letztlich auch vor der kriegerischen Bedrohung ihrer Sicherheit geschützt. Die nunmehr erlangte Freiheit hatte jedoch zur Folge, dass sie ab sofort für dies alles und für noch viel mehr selbst die Verantwortung übernehmen mussten. Ein wunderschönes Beispiel dafür ist die Manna-Geschichte. Geradezu liebevoll führt sie Gott in diese neue Verantwortung ein: Das erste Essen bekommen sie von ihm. Da alle mengenmäßig jedoch zunächst nur an sich selbst denken, fordert er sie auf, pro Person nur so viel einzusammeln, wie sie brauchen. Und da dies erwartungsgemäß misslingt, geschieht das Wunder, dass am Ende alle gleichviel haben, egal wie viel sie eingesammelt hatten, weil das, was sie nicht brauchten, sofort verdarb.. Dass jedem nur so viel blieb, wie er zum Essen brauchte. Wenn Gott mit uns heute einmal genauso verfahren würde, wie würde es dann in unseren Kühlschränken aussehen? Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen für sich selbst und zugleich auch für die Gemeinschaft, in der wir leben, und ich meine damit auch die Weltgemeinschaft, ist ein wichtiges Kennzeichen der Freiheit, zeichnet freie Menschen aus.

Der letzte, eigentlich zentrale Gedanke:

3. Zum Frei-Sein gehört Gottvertrauen.

Atheisten oder Andersgläubige mögen darüber anders denken. Aber das ist ja nun gerade die Botschaft der Bibel, dass unser Glaube, dass Gottvertrauen uns von aller Unterdrückung befreit. Was das heißt, musste auch das Volk Israel damals lernen. Das Manna reicht immer nur für einen Tag. Gott vertrauen bedeutet, immer neu darauf zu hoffen: Auch morgen wird Gott an meiner Seite sein und mir mein Leben bewahren, wie immer das dann auch aussehen mag. Meine Sicherheit kommt nicht von mir, nicht von dem, was für mich machbar und erreichbar ist. Meine Sicherheit kommt von einem anderen, dem ich zu vertrauen lernen muss: von Gott. Mit dieser erglaubten Sicherheit darf und kann ich leben. Das ist sein Versprechen.

Oder wie es im Wochenspruch heißt:

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Eph 2,19

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