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„!אתה האיש“ – „Du bist der Mann!“ – 2. Samuel 12

Im vorderen Orient hat das Erzählen von Geschichten eine lange Tradition und diente bei Leibe nicht nur der Unterhaltung. So ist uns ja auch von Jesus bekannt, dass er seine Verkündigung vielfach in der Form von Geschichten (Gleichnissen) weitergab.

Vor etwa 3000 Jahren kam also solch ein Geschichtenerzähler zum König und erzählte ihm folgende Geschichte:

Es waren einmal zwei Männer – sie lebten nahe beieinander – der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte viele Schafe und Rinder. – Der Arme hingegen nur ein einziges kleines Schäfchen. Das war sein Ein und Alles. Er liebte es wie ein Kind; es aß von seinem Essen mit, trank aus seinem Trinkgefäß, schlief in seinem Schoß mit ihm auf seiner Matte.

Eines Tages bekam der Reiche Besuch und veranstaltete für ihn ein Festmahl; aber es reute ihn, dafür eines seiner Schafe oder Rinder zu opfern. Da ging er zu seinem armen Nachbarn, nahm dessen einziges Schaf, schlachtete es, bereitete es zu und bot es seinem Gast zum Essen an.

Das sprang der König, der bis dahin der Erzählung voller Aufmerksamkeit gefolgt war, voller Zorn von seinem Lager auf und schrie: „Ein Mann, der so etwas tut, gehört mit dem Tode bestraft!“

Nathan, der Prophet, schaute seinem König David ernst in´s Gesicht und sagte: „Du bist der Mann!

Diese Worte saßen. Schlagartig wurde David klar: Das war ja seine Geschichte, die er da gehört hatte. Über sich selbst hatte er das Todesurteil gesprochen! Denn so wie jener skrupellose Reiche hatte er selbst sich verhalten; er hatte einem anderen das Einzige und Liebste weggenommen. Vor nicht zu langer Zeit hatte er eine junge Frau beim Baden beobachtet. Sie gefiel ihm, er wollte sie haben. Und er hatte als König ja auch die Macht dazu.

Folglich ließ er sie holen, Batseba, die Frau eines einfachen Soldaten. Er nahm sie sich und schlief mit ihr, obwohl er wußte, dass sie verheiratet war. Und als sie ihm dann mitteilen ließ, dass sie davon schwanger geworden war, ließ er ihren Mann mit einem faulen Trick im Krieg beseitigen, um freie Bahn bei ihr zu haben.

Nach einer angemessener Trauerzeit hatte er Batseba als seine Frau in sein Harem geführt, wo sie ihm dann einen Sohn gebar.

So sehr hatte er sich gehen lassen. Er, der angesehene König Israels, der erfolgreiche Krieger, der bekannterweise gottesfürchtige Mensch, der schon ohne Batseba über einen großen Harem verfügte, hatte die Ehe eines einfachen, ihm dienenden Mannes zerstört und ihm außer seiner Frau dann auch noch das Leben genommen.

Vier Gedanken sind mir bei diesem Bibeltext wichtig:

1. Besessen von dem Wunsch, zu bekommen, was er wollte, war David im wahrsten Sinne des Wortes „über Leichen gegangen“.

Ohne Rücksicht auf Verluste, – natürlich bei den anderen.

Was wir uns wünschen, was wir bekommen wollen, übt leicht eine besondere Macht über uns aus, und meist geht es bei der Verwirklichung dessen nicht ohne Verluste ab – natürlich bei den anderen: bei Ehepartnern, Kindern, BerufskollegInnen, bei gesellschaftlichen Gruppen bis hin zu ganzen Völkern. Sie werden unseren ideellen oder materiellen Wünschen „geopfert“, z.B. der Karriere, der finanziellen Unabhängigkeit, dem Wohlstand, der sozialen Sicherheit, wirtschaftlichen Interessen.

Aber eben, wo wir ohne Rücksicht auf Verluste anderer unsere Wünsche verwirklichen, dort werden letztlich auch wir für uns nur verlieren – wie David, der trotz all seiner Erfolge oder seines Reichtums plötzlich vor dem Nichts steht.

2.: „Du bist der Mann.“

Wie ein Schlag ins Gesicht müssen diese vier Worte des Propheten Nathan den David getroffen haben.

Dort, wo es um die Schuld und das Versagen eines anderen ging, da funktionierte sein Gerechtigkeitsempfinden perfekt, da hatte er sich ereifert und den Mund ganz schön voll genommen. „Ein Mann, der so etwas tut, gehört mit dem Tode bestraft.“

Zugleich jedoch war er blind geblieben für seine eigene Schuld, für sein eigenes Versagen.

Er fühlt sich dazu berechtigt, das Verhalten eines anderen zu verurteilen, und nimmt zugleich gar nicht wahr, dass er sich um keinen Deut besser verhalten hatte. Erst wie Nathan ihm die Augen öffnet, erkennt er, wie schuldig er in Wirklichkeit sich selbst gemacht hat.

Kommt uns das nicht bekannt vor?! Funktioniert unser Gerechtigkeitsempfinden nicht allzu oft anderen gegenüber auch wesentlich besser als uns selbst gegenüber? Wie leicht verurteilen wir andere und bleiben zugleich blind für unsere eigene Schuld und unser eigenes Versagen.

Ihr seht, dieser alte Bibeltext hat auch nach 3000 Jahren nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

Und etwa 1000 Jahre nach David hat ein bekannter Prediger diese Erfahrung Davids in Worte gefaßt, die mittlerweile zum Sprichwort geworden sind: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“

Wie Recht hat Jesus mit diesem Hinweis!

Deshalb: Bevor Ihr Euch über die Schuld anderer ereifert, seid offen dafür, Eure eigene Schuld wahrzunehmen. Vielleicht geht Ihr dann auch ein wenig gnädiger mit der Schuld Eurer Mitmenschen um.

3.: Wie gehe ich nun aber mit der Schuld um, die ich bei mir selbst wahrnehme?

Die Antwort unseres Predigttextes ist sehr einfach:

Da sprach David: „Ich habe gesündigt vor dem Herrn.“

David sucht nicht nach billigen Entschuldigungen oder Ausflüchten, sondern er bekennt sich zu seiner Schuld. Aber er macht uns damit zugleich auf einen wichtigen Zusammenhang aufmerksam: Er hat Schuld auf sich geladen, weil sein Verhältnis zu Gott nicht in Ordnung gewesen war. „Ich habe gesündigt vor dem Herrn.“ Nicht sein, sondern mein Wille sollte geschehen. Nicht die Liebe zu ihm und zum Mitmenschen haben mein Denken und Handeln bestimmt, sondern purer Egoismus. Mein Gottvertrauen habe ich meinem „Selbstvertrauen“ geopfert. Deshalb mein menschenverachtendes und zugleich gottloses Verhalten.

Seine Schuld im Gebet Gott gegenüber zu bekennen, auszusprechen, ist oft eine hilfreiche Erfahrung auf dem Weg zu einer ernstgemeinten Entschuldigung dort, wo wir uns schuldig gemacht haben. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen dieses Schuldbekenntnis Gott gegenüber die einzige Möglichkeit ist, diese Schuld ihm anzuvertrauen, weil eine Begegnung mit dem oder der Betreffenden nicht oder nicht mehr möglich ist (z. B. Auschwitz!)

4.: Wie reagiert Gott auf unser Schuldbekenntnis?

Im Moment des Schuldbekenntnisses eröffnet Nathan dem David eine ganz neue Sicht seiner Situation: „So hat auch der Herr deine Schuld weggenommen; du wirst nicht sterben.“

Eine unwahrscheinliche Erfahrung: Wer vor Gott zu seiner Schuld steht, zu dem steht Gott.

Gewiss, David muß mit den Folgen seines Handelns leben, und wir erfahren aus der Bibel, dass dies nicht einfach war. Aber, und das war das wichtige, er mußte künftig nicht ohne Gott, ohne dessen liebevolle Gegenwart leben. Eine ungeheuer tröstliche Nachricht!

Nicht unsere Schuld hat das letzte Wort, sondern der uns liebende, der uns aus Liebe vergebende Gott.

„Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes“, sagt Paulus. Und er hat Recht damit.

Wer Gott sein Vertrauen schenkt und dieses Vertrauen immer wieder neu sucht, gerade auch dann, wenn ihm/ihr Schuld und Versagen bewusst und sichtbar werden, – „wer Gott vertraut, hat fest gebaut!“ – so in einem Liedvers – wird erfahren, wie dieser liebende Gott von Schuld befreit und Mut macht zum Leben.

2. Samuel 12

1 Und der HERR sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm.
2 Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder;
3 aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß und er hielt’s wie eine Tochter.
4 Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.
5 Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat!
6 Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.
7 Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann! So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls
8 und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazutun.
9 Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hetiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durchs Schwert der Ammoniter.
10 Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hetiters, genommen hast, dass sie deine Frau sei.
11 So spricht der HERR: Siehe, ich will Unheil über dich kommen lassen aus deinem eigenen Hause und will deine Frauen nehmen vor deinen Augen und will sie deinem Nächsten geben, dass er abei ihnen liegen soll an der lichten Sonne.
12 Denn du hast’s heimlich getan, ich aber will dies tun vor ganz Israel und im Licht der Sonne.
13 Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN. Nathan sprach zu David: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben.
14 Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben.

Zu dieser Geschichte gehört übrigens der Song „Halleluja“ von Leonard Cohen, weshalb ich mich immer wieder wundere, weshalb gerade er bevorzugt bei Hochzeiten gesungen wird. Die Übersetzung davon lautet:

Ich habe gehört, dass es ein geheimer Akkord war,
Den David spielte und der Gott gefiel.
Aber du machst dir nicht wirklich viel aus Musik, oder?

Es geht so: Die Vierte, die Fünfte
Die Moll runter, Dur rauf
Der verwirrte König komponierte: Halleluja

Halleluja, Halleluja
Halleluja, Halleluja

Dein Glaube war stark, doch du brauchtest Beweise
Du sahst sie baden auf dem Dach
Ihre Schönheit und das Mondlicht überfluteten dich
Sie band dich an einen Küchenstuhl
Sie zerbrach deinen Thron, sie schnitt dir das Haar ab
Und entlockte deinen Lippen das Halleluja

Halleluja, Halleluja
Halleluja, Halleluja

Du sagst, ich habe den Namen Gottes missbraucht,
Dabei kenne ich den Namen noch nicht einmal.
Aber wenn es denn so ist, welche Bedeutung hat das für dich?
In jedem Wort flammt eine gewisse Glut,
Es ist egal, welches du gehört hast:
Das heilige oder das gebrochene Halleluja.

Halleluja, Halleluja
Halleluja, Halleluja

Ich gab mein Bestes, doch es war nicht viel.
Ich konnte nichts fühlen, deshalb versuchte ich zu berühren.
Ich sagte die Wahrheit, ich bin nicht gekommen, um dir was vorzumachen.
Und auch wenn alles schief gegangen ist,
Werde ich vor dem Gott des Gesangs stehen,
Mit nichts auf meiner Zunge, als ein Halleluja.


Halleluja, Halleluja
Halleluja, Halleluja
Halleluja
Halleluja, Halleluja
Halleluja, Halleluja

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