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Wer will schon über „Sünde“ reden!

Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis zu Lukas 15,11bff

„Und, worüber hat denn der Pfarrer heute gepredigt?“

„Über die Sünde.“

„Und, was hat er dazu gesagt?“

„Er war dagegen.“

Ein alter Kirchenwitz, gewiss, aber er kennzeichnet sehr treffend den allgemein kirchlichen Umgang mit dem Thema „Sünde“: Man ist dagegen. Und damit hat es sich dann auch.

Ich war immer wieder überrascht, wenn ich Bücher zum Konfirmandenunterricht durchblätterte: Zu den unterschiedlichsten Themen fand ich dort Unterrichtseinheiten. Aber nach dem Thema „Sünde“ suchte ich vergebens. Dasselbe übrigens auch für die „Kirchliche Lebensordnung zur Konfirmation“. In der gesamten Lebensordnung, wo es vor allem um die Grundthemen und Grundfragen unseres christlichen Glaubens geht, über die mit den zu Konfirmierenden gesprochen werden muss, taucht das Stichwort „Sünde“ nicht ein einziges Mal auf. Obwohl „Sünde“ eines der zentralen Themen der christlichen Lehre ist!

Sicherlich ist es nicht sehr attraktiv, über Sünde zu sprechen, gerade heutzutage nicht. Und das unter anderem auch deshalb, weil in der Vergangenheit dieses Thema vielfach recht einseitig für kirchliche Machtinteressen missbraucht worden ist: Die Lehre von der Sünde als Instrument der Kirchenoberen zur Unterdrückung und zur Ausbeutung der Gläubigen.

Aber gerade deshalb muss über ein für unseren christlichen Glauben derart wichtiges Thema wie das Thema „Sünde“ gesprochen werden. Weil davon, wie wir Sünde erklären, abhängig ist, was wir unter „Vergebung“ verstehen. Denn: Vergebung ist nichts anderes als Gottes gnädige und barmherzige Reaktion, Antwort auf die Sünde des Menschen.

Sünde und Vergebung sind gleichsam die beiden Pole, zwischen denen sich unsere Beziehung zu Gott, unser Verhältnis zu ihm, zwischen denen sich unser Glaube abspielt.

Jesus hat dies an einer seiner wohl schönsten Erzählung eindrucksvoll verdeutlicht:

Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort  brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.

Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!

Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn

heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser  mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Da ist von beidem die Rede, von Sünde und von Vergebung, von Gott und von mir und dir. Denn, wenn wir ehrlich sind: Das, was Jesus da im Bild vom verlorenen Sohn beschreibt, ist doch unsere Realität im Glauben: Dass es uns beim besten Willen nicht gelingt, immer nahe an Gott dran zu bleiben. Dass es immer so viel anderes gibt, was uns wichtiger ist als Gott. Dass wir immer wieder an seiner Güte, ja sogar an seiner Existenz zweifeln. Dass wir unsere eigenen Wege gehen wollen, oft eben auch ohne ihn, also weg von ihm. Dass uns immer wieder das letzte Vertrauen zu ihm fehlt.

Und genau diese Störung unseres Gottvertrauens ist letztlich gemeint, wenn die Bibel von „Sünde“ spricht. Zugleich erinnern uns ihre Texte immer wieder daran: Gott macht uns unser gestörtes Gottvertrauen nicht zum Vorwurf. Weil er um diese unsere Schwächen weiß und um unser Misstrauen ihm gegenüber. Denn sie ist zugleich auch eine der Folgen jener Freiheit, mit der er uns ausgestattet hat. Er wirft uns die „Sünde“ nicht vor, aber er stellt sie klar: Dass sie uns wegführt von ihm, gleichsam hinein in eine andere Welt, in der andere Regeln als die Seinen für uns Geltung bekommen und haben.

Wie jener „verlorene“ Sohn gehen wir immer wieder weg von ihm in der Meinung und mit der Vorstellung, dass wir unser Leben schon selbst in die Hand nehmen und vor allem, dass wir unser Leben schon selbst bewältigen könnten.

Und dann kommen irgendwann unweigerlich Entwicklungen in unserem Leben, wo wir merken, dass wir mit unseren Kräften und mit unserem Latein am Ende sind; wo wir uns unsere Ohnmacht eingestehen müssen; wo wir feststellen müssen, dass wir uns übernommen haben mit der irrigen Vorstellung, alles alleine, also ohne ihn schaffen zu können.

In solch einer Situation befand sich nach Jesu Erzählung der „verlorene“ Sohn: ziemlich gar ganz unten. Und da erinnert er sich an seinen Vater, den er von Selbstvertrauen strotzend meinte, verlassen zu können. Er gesteht sich ein, dass dies ein Fehler gewesen war und entscheidet sich, umzukehren und zu ihm zurückzugehen. Er hat den Mut, seinen Stolz zu überwinden und zuzugeben: Ich brauche sie doch, deine Nähe, Vater, auch wenn ich meinte, ich könnte ganz gut ohne dich zu Recht kommen.

Die Frage ist nun, wie wird sich der Vater verhalten? Wie wird sich Gott uns gegenüber verhalten, wenn wir zu ihm zurückkehren wollen?

Und da erzählt uns Jesus etwas Wunderschönes, Wohltuendes: Noch während sich der Sohn überlegt, wie er sich bei seinem Vater entschuldigen soll, eilt ihm der Vater, als er ihn erblickt, entgegen, und noch bevor der Sohn auch nur ein Wort der Entschuldigung sagen kann, nimmt der Vater ihn in den Arm und lässt ihn spüren, wie froh er über seine Rückkehr ist.

Denn dieser  mein Sohn war tot und ist (für mich) wieder lebendig geworden!

Und dann feiert er mit ihm und mit allen, die zu seinem Haus gehörten, ein Freudenfest.

Das bedeutet „Vergebung“!

Der, dem ich misstraut habe in meiner Selbstherrlichkeit und in meinem Kleinglauben, nimmt mich wieder auf, ohne Einbußen, ohne Vorwürfe, ohne Belehrungen, mit der liebevollen Zusage: „Ich bin froh, dass du wieder da bist. Ich bin froh, dass du nicht vergessen hast, wo dein Zuhause ist.“

Gewiss, – auch das lehrt uns die Bibel – durch solche Erfahrungen der liebevollen Annahme durch Gott wird unser Glaube, unser Gottvertrauen zunehmen. Und doch sind wir dadurch nicht gefeit dagegen, wieder zurück zu fallen in jene Selbstüberschätzung, die uns wieder und wieder von Gott entfernt, so dass unser Vertrauensverhältnis zu ihm auch künftig immer wieder gestört ist. Denn immer wieder taucht sie bei uns auf in unserem Glaubensleben, die „Sünde“. Aber, und das ist das Tröstliche, auch immer wieder die Vergebungsbereitschaft Gottes. Und das heißt: Wer zu ihm zurückkehrt, findet liebevolle Aufnahme, egal, wie weit oder wie lange oder wie oft wir uns von ihm entfernt haben.

Denn: Gottes Vergebung ist größer als all unsere „Sünde“.

Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

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